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  • AutorenbildLuka Özyürek

Einen Tag der Bedürfnisse

Heute ist der Trans Day of Visibility, ein Tag, der bei mir als trans Mensch und Aktivist*in manchmal leichtes Augenrollen auslöst. Viele von uns sind immer sichtbar, ob wir es wollen oder nicht, einfach weil wir nicht in die typischen Vorstellungen davon passen, wie Frauen oder Männer auszusehen und sich zu verhalten haben. Viele andere wären gerne sichtbarer, können es aber nicht sein - aus Angst vor Vorurteilen und Gewalt, oder weil sie keinen Zugang bekommen zu den Maßnahmen, die sie dafür brauchen würden. Und das ist ein gutes Stichwort: ich wünsche mir stattdessen einen Tag der trans Bedürfnisse, denn es haben zwar inzwischen die meisten Menschen mitbekommen, dass wir existieren, aber was wir brauchen, werden wir leider immer noch selten gefragt.


Es wird viel über trans Identitäten gesprochen, Veränderung stellt sich dadurch aber nicht automatisch ein


Angesichts der zunehmenden Berichterstattung über gendergerechte Sprache und geschlechtsneutrale Toiletten mögen jetzt manche sagen “Was wollt ihr denn noch, das Thema ist doch überall! So viel Trubel um eine kleine Minderheit!” Nur leider ist Präsenz nicht unbedingt gleich Repräsentation. Es wird viel über uns diskutiert und wenig mit uns. Das ist auch der Grund, warum ich trotz meiner ambivalenten Gefühle zum heutigen Tag beschlossen habe, einen Beitrag zu schreiben: um einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass unsere Bedürfnisse am Arbeitsplatz mehr gesehen werden. Ich könnte auch ein langes Essay darüber schreiben, was für transgeschlechtliche (und nichtbinäre) Menschen gesamtgesellschaftlich gerade schief läuft. Warum es mich so unglaublich traurig macht, dass Feministinnen ihre Ängste und Wut auf trans Menschen projizieren, während das Patriarchat sich ins Fäustchen lacht. Warum ich langsam keine Geduld mehr habe für die immer wiederkehrenden anti-trans “Argumente”, die sich in der Regel mit einem Funken Logik von selbst widerlegen. Warum es so viel Energie raubt, jeden Tag neue Nachrichten darüber zu lesen, wie Menschen wie mir ihre Selbstbestimmung abgesprochen wird - so viel, dass ich, um ganz ehrlich zu sein, manchmal ernsthaft darüber nachdenke, auf einen abgelegenen Hof zu ziehen und einfach gar nichts mehr mit anderen Menschen zu tun zu haben. Aber da abgelegene Höfe in der Regel eher nicht über einen Homeoffice-tauglichen Internetanschluss verfügen und andere Leute schon bessere Artikel über all diese Punkte geschrieben haben, gibt es jetzt statt des Umzugs diesen Blog-Post und statt des wütenden Essays den Fokus auf die Arbeitswelt. Genauer gesagt, was ihr tun könnt, damit sich trans Menschen in eurem Unternehmen wohlfühlen.


Transphobe Diskriminierung betrifft nicht nur trans Menschen


Wohlfühlen am Arbeitsplatz ist leider nicht selbstverständlich, jedenfalls nicht für trans Personen Studien zeigen, dass in etwa die Hälfte aller befragten trans und inter Menschen Diskriminierung im Arbeitsleben und bei der Jobsuche erlebt - von transphoben Kommentaren der Kolleg*innen bis hin zum stillschweigenden Beförderungsstopp nach dem Outing. Und das sind nur die Menschen, die - da sind wir wieder beim Thema - sichtbar trans sind; viele Menschen trauen sich aus Angst vor Diskriminierung gar nicht erst, ihre Identität am Arbeitsplatz offen zu zeigen. Nebenbei: das alles betrifft nicht nur trans Menschen, sondern auch intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen und an manchen Stellen (etwa beim Zugang zu Toiletten) sogar cis Menschen, die z.B. optisch bestimmte Geschlechternormen nicht erfüllen.


Was tun für Inklusion von trans Menschen am Arbeitsplatz?


Also, was tun, um das zu ändern? Hier sind meine Top 3 Tipps, wie ihr individuell, unabhängig von eurer Rolle im Unternehmen, trans Menschen am Arbeitsplatz unterstützen könnt. Seid ihr bereit?


1-3: Behandelt uns so, wie ihr cis Menschen auch behandeln würdet.


Okay, das war jetzt ein bisschen gemein - aber ganz ehrlich, das ist im Grund genommen wirklich der ganze Trick dahinter. Wie kann das genau aussehen?


  1. Nutzt die richtigen Namen und Pronomen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber trotzdem sehe ich es immer wieder, dass Kolleg*innen nach ein paar Versprechern aufgeben und sich nur noch darüber beschweren, wie schwierig es ist, mit trans Menschen zu sprechen. Dabei ist es wirklich nur Übungssache, und wenn ihr euch ernsthaft bemüht, wird euch auch kaum jemand böse sein, wenn doch mal das falsche Wort rausrutscht. (In so einem Fall reicht übrigens ein kurzes “Entschuldigung” und eine Korrektur - bitte nicht aufbauschen.)

  2. Stellt keine intimen Fragen. Was genau zu intim ist, hängt natürlich vom Kontext und eurer Beziehung zueinander ab, aber eine gute Faustregel ist: keine Fragen zu Körperteilen und -funktionen oder zu medizinischen Eingriffen. Davon abgesehen fragt euch selbst ehrlich, ob ihr etwas wissen wollt, um die Person besser kennenzulernen, oder nur, um eure Neugier zu befriedigen. Würdet ihr es etwa angemessen finden, eine cis Kollegin einfach so nach ihren Genitalien zu fragen?

  3. Signalisiert Unterstützung. Ich fühle mich als trans Person an einem Ort sofort wohler und sicherer, wenn ich Anzeichen dafür sehe, dass die Menschen dort sich mit Gender beschäftigt haben und prinzipiell offen für trans Leute sind. Das kann z.B. das Nutzen geschlechtergerechter Sprache sein, die eigenen Pronomen in die Signatur aufzunehmen bzw. bei der Vorstellung zu nennen, oder Anschreiben nicht mit “Lieber Herr” bzw. “Liebe Frau” zu beginnen, sondern etwa mit “Hallo (Vorname) (Nachname)”.


Führungskräfte können viel bewegen


Wenn ihr in leitenden Positionen tätig seid, könnt ihr noch viel mehr tun, um trans, inter und nichtbinäre Mitarbeitende ins Boot zu holen und im Arbeitsalltag das Leben zu erleichtern.


  1. Kreiert ein transfreundliches Einstellungsverfahren. Das kann z.B. bedeuten, in der Anzeige gendergerechte Sprache zu nutzen und trans Menschen ausdrücklich zur Bewerbung zu ermutigen, bei Formularen für mindestens eine Option jenseits von “Mann” und “Frau” zu sorgen, und sensibel mit Lücken im Lebenslauf und Unterlagen mit dem abgelegten Namen umzugehen.

  2. Nehmt Trans- und Intergeschlechtlichkeit in euer Verständnis von Diversity auf und kommuniziert explizit, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes nicht akzeptabel ist. Macht z.B. klar, dass alle die für sie richtigen Namen, Toiletten, Umkleiden und Arbeitskleidung nutzen dürfen, unabhängig von ihrem Geburtsgeschlecht oder offiziellem Geschlechtseintrag. Denkt daran, dass nicht alle Menschen ihren Namen und Geschlechtseintrag ohne weiteres ändern können.

  3. Sensibilisiert eure Angestellten. Inklusionsmaßnahmen funktionieren nur dann, wenn alle bereit sind, ihren Teil dazu beizutragen - wenn es regelmäßig transphobe Kommentare gibt, helfen auch alle Pronomen in der Email-Signatur nicht. Bietet deshalb Workshops zu trans am Arbeitsplatz an, oder Inputs zu gendergerechter Sprache, oder Infomaterial und Leitlinien zum Umgang mit trans Menschen. Das gilt doppelt, wenn eure Mitarbeitenden potenziell Kontakt zu trans Kund*innen haben.


Warum euer Unternehmen trans Menschen braucht


Und warum das Ganze, wenn trans, nichtbinäre und inter Menschen selbst zusammengenommen nur einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen? Zum einen ist es eine ziemlich einfache Kosten-Nutzen-Rechnung: euren Arbeitsalltag inklusiver zu gestalten, verlangt, wie ihr gesehen habt, oft nur geringen Aufwand, kann aber für betroffene Personen einen riesigen Unterschied machen. Damit verbessert ihr nicht nur das Zufriedenheit und Leistung bei euren trans, inter und nichtbinären Mitarbeiter*innen, sondern ebnet auch den Weg für ihre Einstellung. Und das ist Grund Nr. 2: ihr braucht trans, inter und nichtbinäre Mitarbeiter*innen, denn wir bringen Perspektiven und Expertise mit, die euer Unternehmen so wahrscheinlich noch nicht hat - wir haben einzigartige Blicke auf eingefahrene Geschlechterverhältnisse und Machtstrukturen, denn wir haben sie von mehreren Seiten am eigenen Leib erfahren. Und nicht zuletzt: das macht uns resilient. Trans, inter und nichtbinäre Menschen haben häufig lange Wege durch Behörden-Irrgärten hinter sich und müssen lernen, mit alltäglicher Diskriminierung in einem Maße umzugehen, das viele Menschen nicht mal erahnen können. Manche denken, das macht uns anfälliger für Stress - ich würde behaupten, in einem wertschätzenden Arbeitsumfeld macht es uns stark.


Und das ist es letztendlich, was wir als trans Menschen brauchen: Wertschätzung, als Mensch und als Expert*in für unsere eigene Identität - nicht nur am Trans Day of Visibility, sondern jeden Tag.


(Übrigens, wenn ihr euch ausführlicher mit dem Thema “Trans am Arbeitsplatz” beschäftigen wollt oder Beratung braucht, wie ihr euer Arbeitsumfeld konkret transfreundlicher gestalten könnt, schreibt uns gerne an - ich würde mich freuen, euch mit einem Input, Workshop oder Beratung zu unterstützen!)





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