Neurodivergenz im Arbeitsleben: Wie arbeitet es sich als Gründerin mit ADHS?
- Luka Özyürek

- vor 5 Tagen
- 10 Min. Lesezeit
Wer sich mit Diversität beschäftigt, kommt um das Thema Neurodivergenz nicht herum. Damit gemeint sind verschiedene Varianten der neurologischen Entwicklung, die auf die eine oder andere Weise nicht dem gesellschaftlichen Standard entsprechen: ADHS, Autismus, aber z.B. auch Legasthenie und Dyskalkulie. Sie beeinflussen u.a. wie Informationen wahrgenommen und verarbeitet werden, wie man sich in sozialen Situationen verhält - und damit auch, was man braucht, um gut arbeiten zu können. Kein Wunder also, dass sich immer mehr Unternehmen mit Neurodivergenz im Arbeitsleben beschäftigen. In diesem persönlichen Interview spricht Luka mit Rea Eldem, der Gründerin und Geschäftsführerin von IN-VISIBLE darüber, wie es ist, Gründerin mit ADHS zu sein.
Luka: Hallo Rea, ich würde dir gerne zum Einstieg direkt eine provokante Frage stellen. Denkst du, du hättest IN-VISIBLE auch gegründet, wenn du kein ADHS hättest? Denn das ist ja inzwischen auch schon ein bisschen Klischee - die Gründerin, die wegen ADHS 24/7 durcharbeiten kann und total kreativ ist und jede Woche ein neues Startup gründet. Findest du dich darin wieder?
Rea: Das ist eine richtig gute Frage. Also, ich würde schon sagen, dass meine Persönlichkeit dazu geführt hat, dass ich IN-VISIBLE und ja auch einige andere Gründungsvorhaben vorher realisiert habe. Aber ich würde nicht unbedingt so weit gehen, diesen kausalen Zusammenhang herzustellen. Ich habe IN-VISIBLE gegründet, weil ich ein Problem gesehen habe, aber auch, weil ich bestimmte Fähigkeiten mitbringe, die es mir erlaubt haben, nicht nur die Idee zu haben, sondern das auch mit viel Resilienz und Anstrengung über Jahre hinweg aufzubauen und vor allem zu halten. Dabei haben meine Prägung und auch meine Persönlichkeit viel geholfen: Dieser Tatendrang, vor allem aber auch, dass ich schon mein ganzes Leben Schwierigkeiten habe, mich auf Sachen zu konzentrieren, die mir keinen Spaß machen. Wenn ich hingegen in etwas aufgehe, dann komme ich in einen Arbeitsmodus, in dem ich sehr viel schaffe, vielleicht auch mehr als andere in kürzester Zeit. Aus einer Begeisterung heraus sozusagen.
ADHS ist ein Spektrum, das manches einfacher macht und vieles schwieriger
Luka: Da waren jetzt schon total viele spannende Dinge drin, an die ich gerne anknüpfen möchte. Aber vielleicht bleiben wir erstmal noch bei den Herausforderungen. Du meintest ja gerade, es lässt sich teilweise nicht so gut trennen, was ADHS ist und was einfach Persönlichkeit oder äußere Umstände - aber gibt es Herausforderungen, die du jetzt im Nachhinein auf ADHS zurückführen würdest?
Rea: Gar nicht so viele. ADHS ist ein Spektrum und ich glaube, dass ich grundsätzlich recht funktional bin in meiner Ausprägung von ADHS. Funktional im Sinne von kompatibel mit den Anforderungen, die in unserem hiesigen System bestehen. Mein ADHS äußert sich vor allem in Hyperaktivität und Rastlosigkeit, weniger in Konzentrationsschwierigkeiten.
Das heißt, meine Herausforderungen sind eher, dass ich gerne ganz schnell arbeite und ganz viel erledige, und manchmal nicht die Muße habe, die letzten 20% zu machen. Und es ist ja oft so mit Stärken und Schwächen, finde ich, dass es eigentlich die gleichen Sachen sind, die sich unterschiedlich äußern.
Dieser krasse Tatendrang, diese vielen Ideen zu haben und sie direkt umsetzen wollen, das ist eigentlich total der Motor und der Hebel für Unternehmertum. Auf der anderen Seite hat mir mein Team schon öfter gespiegelt, dass es manchmal ein bisschen anstrengend ist, hinterherzukommen, weil ich immer irgendwie noch eine Idee habe und das dann alles direkt machen möchte und manchmal die Beständigkeit fehlt. Oder auch die Geduld, erstmal zu beobachten und dann mit ein bisschen Abstand zu gucken, ob man dem nachgeht. Es muss alles ganz schnell gehen, am besten sofort und zu 400%.

Zwischen Superkraft und Underachiever: Wird ADHS im Kapitalismus belohnt?
Luka: Also, als Teil deines Teams gesprochen: Klar, das kommt schonmal vor, aber ich finde es auch sehr inspirierend, weil du eben nicht nur super viele Ideen hast, sondern auch diesen Antrieb, sie umzusetzen. Mir hilft das oft, weil ich da eher das Gegenteil habe - wenn ich was spannend finde, kann ich mich damit bis ins letzte Detail beschäftigen und habe Ideen ohne Ende, aber überhaupt erstmal anzufangen und dann auch dranzubleiben fällt mir super schwer, weil ich alles zerdenke. Und wenn mich was nicht interessiert, dann ist es einfach nur eine absolute Qual.
Also, für den Kontext, ich habe selber bisher keine Diagnose in dem Bereich, beschäftige mich aber seit einigen Jahren damit, weil ich mich in vielem stark wiederfinden kann. Und ich sehe oft eben dieses Bild von “ADHS als Superkraft”, während ich eher der Underachiever bin. Ich war extrem gut in der Schule, aber sobald diese Struktur wegfiel, wurde es schwierig. Es ist spannend, was als Stärke oder Schwäche wahrgenommen wird und was gesellschaftlich funktioniert.
Rea: Ich finde diese systemische Kritik total relevant, weil ich auch sagen würde, in ein kapitalistisches System, in dem die Maxime ist, schnell viel zu leisten, passen bestimmte Merkmale von ADHS sehr gut rein und werden belohnt - andere wiederum werden extrem abgestraft. Z.B. wenn es um sowas geht wie Schwierigkeiten, Sachen hinzukriegen, umzusetzen, oder eben auch Vergesslichkeit. Ich habe da viele Strukturen für mich gebaut, die mir helfen, so dass es nicht so auffällt. Ich schreibe mir alles auf, ich habe wirklich für jedes Ding eine Liste. Aber das geht natürlich auch nur bis zu einem gewissen Grad.
Es kommt irgendwas rein und dann ist es, als ob sich ein neuer Tab öffnet, und dann muss ich dem direkt nachgehen.
Gerade wenn man irgendwann sehr viel Verantwortung hat oder viele To-Dos, kommt es vor, dass man diesen Überblick nicht mehr herstellen kann und mit den ganzen Listen nicht mehr nachkommt. Dann merke ich schon, dass es mir extrem schwer fällt, zu priorisieren. Es kommt irgendwas rein und dann ist es, als ob sich ein neuer Tab öffnet, und dann muss ich dem direkt nachgehen. Und das funktioniert, wenn man 20 To-Dos am Tag hat, aber wenn man dann irgendwann 200 Tasks hat, dann geht es eben nicht mehr. Das kann ich voll schlecht aushalten und ich kann z.B. abends nicht abschalten und habe eine Schlafstörung.
Was können Arbeitgeber*innen und Führungskräfte tun?
Luka: Ich finde es spannend, was du gerade zu Strukturen sagtest. Du hast jetzt ja schon ein bisschen darüber gesprochen, was du selber gemacht hast, um diese Herausforderungen zu meistern. Was hättest du dir von deiner Umwelt gewünscht, also z.B. von der Schule oder auch von Arbeitgeberinnen?
Rea: Ich hätte mir vor allem Hilfe darin gewünscht, mit meiner Impulsivität umzugehen. Das ist bei mir ein Riesenthema und es fällt mir bis heute sehr schwer, Impulsen nicht nachzugehen. Ich erinnere mich z.B. an Praktika, wo ich ganz viele Ideen hatte, aber kein Raum dafür da war und ich dann sehr schnell das Interesse verloren habe oder auch auf eigene Regie Sachen gemacht habe. Da hätte ich mir mehr Achtsamkeit von meinen Führungskräften gewünscht. Toll wäre es auch gewesen, wenn mir jemand früher die ganzen Tools gegeben hätte, die ich mir selbst mühsam erarbeitet habe. Das sind vor allem so Kleinigkeiten wie E-Mails zumachen, Handy auszustellen, wenn ich eine Aufgabe erledigen will, mir ganz klar Zeitfenster setzen. Meistens brauche ich ca. anderthalb Stunden Fokus auf eine Aufgabe und bin dann einfach nicht immer erreichbar. Ich muss das mit dem Team gut absprechen und muss klären, was man macht, wenn Leute einen tatsächlich dringend erreichen müssen.
Luka: Ja, das ist es halt, worauf es immer hinausläuft: Transparente Kommunikation. Das sage ich auch unseren Kund*innen in Workshops und Beratungsprojekten immer wieder. Redet doch drüber, sagt doch mal was!
Nimm zehn Leute mit ADHS und die haben zehn unterschiedliche Herausforderungen am Arbeitsplatz.
Rea: Ja, und das knüpft auch an an meine Kritik am aktuellen Diskurs Neurodivergenz. Nimm zehn Leute mit ADHS und die haben zehn unterschiedliche Herausforderungen am Arbeitsplatz. Es gibt natürlich Überschneidungen - aber es gibt unterschiedliche Typen von ADHS und jeder Mensch ist anders. Ich denke, wir müssen an der Kultur anzusetzen und herauszuarbeiten, was die Menschen konkret brauchen, um gut zu arbeiten.
Offenheit und Achtsamkeit helfen allen - egal ob neurodivergent oder nicht
Luka: Ich würde auch behaupten, fast alles, was im Arbeitsleben neurodivergenten Menschen das Leben leichter macht, macht auch neurotypischen Menschen das Leben leichter.
Rea: Absolut. Im Design Thinking schaut man sich u.a. die Extreme User an. Also, wenn z.B. die Aufgabe ist, etwas zu entwickeln, damit Leute aufhören zu rauchen, dann würde ich mir auch angucken: Was kann ich tun, damit Kettenraucher*innen aufhören zu rauchen? Und diese Lösung, die ich entwickle, die wird wahrscheinlich auch Gelegenheitsraucher*innen helfen. Ich finde, das kann man als Mindset ganz gut übertragen. Neurodivergente Menschen sind, wenn man so will, Extreme User im Arbeitsleben.
Ich denke auch, dass man niemals eine Kultur aufbauen wird, in der sich alle wohlfühlen. Man kann es nicht allen recht machen. Aber: man kann eine Kultur aufbauen, in der es vollkommen normal ist, dass Menschen miteinander darüber sprechen, wie sie arbeiten wollen. Von diesem Gestaltungsprozess profitieren alle, selbst wenn man an Grenzen stoßen wird.
Luka: Welche Tipps kannst du Führungskräften dafür geben?
Rea: Das Wichtigste ist, mit Mitarbeitenden ins Gespräch zu gehen, gemeinsam herauszuarbeiten, welche Herausforderungen es gibt und wie ihr sie bewältigen könnt, und dann auch am Ball zu bleiben. Stärken stärken ist eine Führungsverantwortung, die über das klassische Mitarbeitendengespräch hinausgeht, und dafür braucht es meiner Erfahrung nach vor allem Regelmäßigkeit. Es muss gar nicht so lang sein, es ist ja eher Hilfe zur Selbsthilfe. Aber eben auch die Frage zu stellen, was brauchst du von mir als Führungskraft, damit das beim nächsten Mal besser läuft?
Wie können Kolleg*innen unterstützen?
Luka: Damit haben wir jetzt deine eigenen Strategien abgedeckt und das, was Führungskräfte tun können. Hast du zum Abschluss vielleicht noch Tips für Kolleg*innen von Menschen mit ADHS?
Rea: Ich würde mir noch mal ein bisschen mehr Austausch und Verständnis wünschen, wenn man bestimmten Verhaltensnormen nicht entspricht. Es gilt ja z.B. als unfreundlich, sich in einem Gespräch ablenken zu lassen. Bei mir ist das aber so: Wenn ich mich mit dir unterhalte und jetzt kommt mir ein Gedanke, dann kostet mich das so viel Energie, dem nicht nachzugehen. Wenn ich den nicht irgendwie aufschreibe, dann werde ich in unserem Gespräch abgelenkt sein. Es fällt mir extrem schwer, den Impuls gehen zu lassen.
Das kann dann vielleicht eine andere Person nicht so nachvollziehen, wenn es für sie recht leicht ist, Impulsen nicht nachzugehen. Genauso wie es für mich als Person, die eher extrovertiert ist, nicht so leicht ist, nachzuvollziehen, wie schwer es für jemanden sein kann, ein bisschen Smalltalk zu machen. Vom Team würde ich mir deshalb wünschen, dass sich alle gemeinsam mit diesen verschiedenen Prägungen und Neurotypen auseinandersetzen, denn das erhöht dann schon auch die Empathiefähigkeit. Es bleibt aber meine Verantwortung als neurodivergente Person, eine gute Kommunikation zu finden und z.B. zu sagen: "Hey, ich merke gerade, mir ist was in Kopf gekommen, ich schreib das kurz auf” und nicht einfach ans Handy zu gehen. Aber gleichzeitig erfordert es ein Umfeld, das dafür Verständnis hat.
Luka: Rea, das was du sagst ist gerade so passend. Bei mir nebenan haben sie gerade angefangen zu bohren und ich kann gar nicht mehr richtig zuhören, weil ich das so unangenehm finde. Im übertragenen Maße geht es wahrscheinlich vielen Menschen so, egal ob gerade jemand bohrt oder einfach quatscht. Aber eben nicht alle im gleichen Maße, oder?
Es ist ja nichts, was keiner kennt.
Rea: Ja, das finde ich auch wichtig zu sagen. Es ist ja nichts, was keiner kennt. Fast alle Menschen finden es schwer, eine Aufgabe zu machen, auf die sie keinen Bock haben. Die meisten Menschen möchten sich ihre guten Ideen merken, wenn sie spontan eine haben. Deshalb kann man sich als neurotypische Person eigentlich auch empathisch zeigen, denn bei neurodivergenten Menschen sind diese Gegebenheiten einfach nur um ein vielfaches stärker ausgeprägt.
Aber das braucht Raum und Nachfragen und eine offene Kultur, damit man überhaupt darüber so richtig ins Gespräch kommt. Das Team muss gemeinschaftlich eine psychologische Sicherheit schaffen, damit man überhaupt miteinander ins Gespräch kommen kann, auch ohne gleich Diagnosen zu teilen. Denn das muss ja auch nicht sein. Ja, ich habe diese Diagnose und das gibt mir eine anderes Selbstbewusstsein, darüber zu sprechen. Das liegt aber nur daran, dass ich das Gefühl habe, eine Legitimation zugesprochen zu bekommen. Aber warum eigentlich? Ich halte es für ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass wir Leuten ihre Erfahrung absprechen und immer das Gefühl haben, da muss so ein Stempel drauf sein.
Neurodivergenz im Arbeitsleben: Nur eine Modeerscheinung?
Luka: Da stecken jetzt noch mal so viele spannende Themen drin. Die führen für dieses Interview wahrscheinlich zu weit, aber gerade das hatten wir auch schon öfter als Thema. Wer muss sich eigentlich als was outen, damit man überhaupt “offiziell” was sagen darf zu einem Thema? Und das schlägt vielleicht auch diesen Bogen zu meiner allerersten Frage: Neurodivergenz wird oft abgetan im Sinne von, das ist jetzt so eine „Modekrankheit”, „alle” haben „plötzlich” ADHS. Im Prinzip ähnlich wie beim Thema Gender und Nichtbinarität, da heißt es ja auch oft „aber Männer können doch auch Nagellack tragen oder Frauen Fussball mögen, da muss man doch nicht gleich die Extrawurst haben und irgendwelche komischen Pronomen benutzen”.
Rea: Ja, diese Abwertung ist spannend. Ich denke, das hat auch viel mit Misogynie zu tun. Der Anstieg in Diagnosen hat zum Teil ja auch damit zu tun, dass Mädchen und Frauen lange unter dem ADHS Radar geflogen sind. Da gibt's nun so ein Misstrauen. Als ob Kritiker*innen das Gefühl haben, Frauen wollen sich in so eine Opferrolle setzen und ziehen sich deshalb immer neue Label an.
Ich will eigentlich, dass es ums System geht und zu gucken, was anders gemacht werden kann, damit es für mich besser funktioniert.
Bei ADHS z.B. gibt es tatsächlich strukturell einige gut messbare Nachteile. Das heißt aber ja noch lange nicht, dass diejenigen, die nun offen über ADHS sprechen, als Opfer gesehen werden wollen. Im Gegenteil: Es geht darum, der Situation entgegenzuwirken und zu gestalten. Aber was dann daraus gemacht wird, ist: „Tu nicht, als ob du es so schwer hättest. Wir haben es alle schwer. Reiß dich mal zusammen. Warum willst du jetzt so viel Aufmerksamkeit?”
Dabei will ich gar nicht, dass es um mich geht. Ich will eigentlich, dass es ums System geht und zu gucken, was anders gemacht werden kann, damit es für mich besser funktioniert.
Luka: Ja, und da knüpft es dann wieder an alle anderen Diskriminierung und Marginalisierungen an. Denn genau das sehen wir ja auch bei Rassismus, beim Thema Gender, beim Thema Behinderung. „Warum musst du denn jetzt wieder ankommen mit deinem Thema, dass mir hier irgendwie meine Normalität durchbricht?” Das ist so tief in den Strukturen drin. Es ist vielleicht auch so tief in menschlicher Natur drin - Ingroup-Outgroup-Denken, Veränderungsintoleranz. Deswegen frage ich mich auch manchmal, inwiefern man überhaupt wirklich nachhaltig was ändern kann oder ob wir uns damit abfinden müssen, dass das menschliche Natur ist. Aber das will ich eigentlich nicht. Und das ist auch noch mal ein ganz anderes Thema.
In Anbetracht der Zeit, let’s wrap it up. Danke für das spannende Interview, Rea. Ich könnte da mit dir noch Stunden darüber reden und ich hoffe, allen Lesenden geht es genauso! Wer sich mit uns weiter dazu austauschen möchte, kann uns gerne schreiben an hi@in-visible.berlin.



