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Barrierefrei gendern - das geht doch nicht?

Einer unserer am meisten nachgefragten Inputs dreht sich rund um das Thema „inklusive Sprache“: Wie kann ich so kommunizieren, dass sich möglichst viele Menschen eingeschlossen und respektiert fühlen? Und auch in Workshops werden uns immer wieder Fragen rund um genderneutrale Sprache, „richtige“ und „falsche“ Begriffe oder barrierefreie Kommunikation gestellt. Ist ja auch kein Wunder, denn egal, was wir tun, um Sprache kommen wir nicht herum - und unser Gegenüber korrekt und respektvoll anzusprechen ist gerade im Arbeitskontext sehr wichtig.


Wir haben vor längerer Zeit schon mal erklärt, warum gendergerechte Sprechkultur mehr ist als nur Gendern, aber trotzdem drehen sich viele Fragen nach wie vor darum. Eine davon ist: Wie lassen sich gendersensible Sprache und barrierearme Kommunikation vereinbaren? Geht das überhaupt?


Was sind gendersensible und barrierefreie Sprache?


Gendersensible Sprache versucht, Menschen aller Geschlechter einzuschließen. Dazu nutzt man beispielsweise neutrale Wörter (z.B. „Ansprechperson“ statt „Ansprechpartner bzw. Ansprechpartnerin“) oder ein sogenanntes Genderzeichen (z.B. „Manager*in“ statt „Manager oder Managerin“). Barrierefreie Kommunikation zielt darauf ab, Kommunikation für Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen. Das kann auf der einen Seite die Methode betreffen - z.B. das Anbieten von Untertiteln oder Audiodeskription -, auf der anderen die Sprache selbst. Um Menschen mit kognitiven Behinderungen einzuschließen, wird die Verwendung von leichter oder einfacher Sprache empfohlen. Das heißt unter anderem: Kurze, simple Sätze nutzen und möglichst keine Fremdwörter oder Wortneuschöpfungen verwenden.


Barrierefrei gendern - ja, das geht!


Für viele Menschen folgt daraus, dass gendersensible und barrierearme Kommunikation nicht vereinbar sind. Screenreader, die viele blinde und sehbehinderte Menschen nutzen, sprechen Genderzeichen oft nicht korrekt aus. Für Menschen mit kognitiven Behinderungen sind sie im Text nicht zu verstehen und verwirren, mit leichter Sprache kompatibel sind gendersensible Formulierungen sowieso nicht. Oder?


Gendern überfordert viele - dabei ist es gar nicht so schwierig, wenn du einige Dinge beachtest. Und ausschließen muss es auch keinen.

Tatsächlich muss man zwar einige Dinge beachten, wenn man sowohl barrierearm als auch gendersensibel schreiben möchte, unmöglich ist es aber nicht. 

Barrierefrei gendern für Menschen mit Sehbehinderungen


Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband schreibt: „Für blinde und sehbehinderte Menschen ist das Gendern durch Satz- und Sonderzeichen problematisch.“ Und zwar deshalb, weil sie von Screenreadern häufig nicht passend interpretiert werden und auch menschliche Vorlesende nicht immer etwas mit ihnen anzufangen wissen. Das heißt auf der einen Seite: Wenn sich Screenreader weiterentwickeln, Menschen sich mehr an Genderzeichen gewöhnen und wir uns idealerweise auf ein Standard-Zeichen einigen können, wird gendersensible Sprache immer zugänglicher für Menschen mit Sehbehinderungen werden. Und auf der anderen Seite: Neutrale Begriffe oder Doppelnennungen („Kolleginnen und Kollegen“) sind immer in Ordnung. 


Barrierefrei gendern für Menschen mit kognitiven Behinderungen


Etwas schwieriger wird es, wenn es um gendersensible Sprache für Menschen mit kognitiven Behinderungen geht. Lange galt: Genderzeichen sind grundsätzlich zu vermeiden, weil sie das Leseverständnis stören. Allerdings zeigt neue Forschung, dass das nur bedingt stimmt. Tatsächlich ist das Gendern von Nomen mit Sternchen schon auf einem sehr niedrigen Sprachniveau gut zu verstehen, besonders, wenn es zuvor erklärt wird oder die Person dieser Variante im Alltag schon begegnet ist. Auch neutrale Formulierungen (z.B. „Es haben 10 Menschen teilgenommen“ statt „Es gab 10 Teilnehmer“) und Doppelnennung werden von allen problemlos verstanden. Spannend allerdings: Die gern verwendete Neutralisierung mit Partizipien („Mitarbeitende“) ist durchweg schwieriger zu verstehen als das Gender mit Sternchen. 


Praktische Tips zum barrierearmen Gendern


Barrierefrei gendern - das geht. Die Frage ist eher, wie. Nochmal zusammengefasst:


  • Nutzt am besten neutrale Formulierungen ohne Partizipien. Sie sind sowohl für Screenreader und Vorlesende, als auch für Menschen mit kognitiven Behinderungen leicht verständlich.

  • Nutzt das Gendersternchen. Wird es in Maßen angewandt, stört es den Lesefluss nicht und ist für alle verständlich. Es sollte allerdings in Artikeln und Pronomen („der*die“, „er*sie“) wenn möglich vermieden werden, da das für Menschen mit kognitiven Behinderungen schwerer zu verstehen ist.

  • Vermeidet den Doppelpunkt als Genderzeichen. Da er schon eine Funktion als Satzzeichen hat, ist er in diesem Kontext schlechter zu lesen und zu verstehen.

  • Wenn es nicht anders geht, nutzt die Doppelnennung. Sie ist für alle verständlich und immerhin inklusiver als das generische Maskulinum.


Und nicht zuletzt: Macht euch bewusst, dass Gender und Behinderung kein „entweder - oder“ sind. Es gibt viele Frauen, nichtbinäre und intergeschlechtliche Menschen mit Behinderung und sie werden es euch danken, wenn sie mit all ihren Facetten mitgedacht und angesprochen werden.


Quellen zu Barrierefrei gendern - das geht doch nicht?


Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.: Gendern. https://www.dbsv.org/gendern.html (zuletzt abgerufen 25.6.2024)


Ebner, Christopher (2023): Leicht verständliche Sprache genderfair! Studie zur Verwendung genderfairer Sprache in Leicht verständlicher Sprache. https://www.capito.eu/app/uploads/genderstudie-2023-vollversion.pdf (zuletzt abgerufen 25.6.2024)


Lieb, Sigi: Barrierefrei gendern: Was soll ich beachten? https://www.genderleicht.de/barrierefrei-gendern-was-soll-ich-beachten/ (zuletzt abgerufen 25.6.2024)

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