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People Who Inspire Us: Antonia & Inklusion Inklusive

Diesen Mehrwert erstmal so zu sehen und das so zu erkennen, bedarf aber von allen Beteiligten Mut. Sie müssen sich auf Neues und Bewegung einstellen und aus ihrer Komfortzone austreten. Das ist dann einigen Unternehmen doch zu viel Umstellung, zu viel Neues, zu viel Zeit."

Hi Antonia! Danke, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Du bist gerade unterwegs auf Reisen. Wo steckst du und was machst du da?


… Hi Rea & Team von IN-VISIBLE. Ich bin gerade auf Reisen, ja. Aber ich bin eigentlich immer mit meinem Herzen in Lima, Peru. Meine Freundin lebt in Lima. Seit ich 2005 dort ein Auslandssemester im Fach Produkt-/ Industriedesign studiert habe, bin ich inspiriert von dem Land, der Kultur, den Leuten und meine Neugierde ist geweckt, nicht nur in Peru! Das klingt schön. Und wie fühlst du dich beim Gedanken, bald wieder nach Deutschland zurückzukehren? Was erwartet dich hier? … In Detmold werde ich zum einen in meinem Tourismusmarketing job arbeiten und in Bielefeld, wo ich auch wohne, widme ich mich meinen Projekten: Als aller erstes treffen wir Schaffende der Soziokultur uns und zwar auf der Versammlung der Wünsche in Mühlheim(Ruhr). Und in der Theaterwerkstatt Bethel werden wir mit dem Performanceensemble unser neues Stück zum Thema “Natur & Mensch” erarbeiten. Der Autor Tobias Schulenburg und Anna Júlia Amaral als Performancekünstlerin und wir, ein total heterogenes, diverses Ensemble, werden gemeinsam das Stück entwickeln. Diese Performance wird in einzelnen Szenen oder auch komplett in kommenden Events (Landesgartenschau, Carnival der Kulturen in Bielefeld, Tag der Gleichstellung, etc.) “auftreten”: Dann gabs letztes Jahr im Dezember ein Workshop, der unter dem Motto denken.queeren.handeln.vermitteln zusammen mit der Theaterwerkstatt & Akademie Waldschlösschen entstanden ist. Diesen Workshop werde ich für ein Magazin nacharbeiten und zusammenfassen und meinen Input und Bauanleitung dazu in entsprechende Form bringen.


Und dann bist du auch noch bei be-able mit involviert, die sich für Inklusion, Kreativität und soziale Kompetenz durch die Gestaltung individueller Bildungsformate einsetzen.


Ja, das Projekt zusammen mit der Theaterwerkstatt (und weiteres Material) ist zB. in einem Podcast zusammen mit be-able eingeflossen. Der heißt ”Sahne Rolle Rückwärts - Die Podcast Reihe für eine offene Gesellschaft” und darin bereite ich mich auf die Publikation der Theaterwerkstatt vor, welche im Rahmen von “kultur.inklusiv in Westfalen-Lippe" entsteht.


Ich finde es ziemlich beeindruckend, dass du an so vielen Projekten im Kulturbereich gleichzeitig arbeitest und dabei die Themen Queerness und Behinderung immer wieder zusammenführst. Was treibt dich an?


Vermitteln, neugierig machen, Perspektiven wechseln, das sind meine Motivationen. Und das auch international: Ich möchte die Möglichkeiten, das Bewusstsein und die Erfahrungen, die wir hier in Deutschland rund ums Thema Behinderung erleben können, nach Peru vermitteln. Meine Freundin wohnt in Lima und ich verbringe viel Zeit dort und vernetze mich derzeit. Zuletzt habe ich mich vermehrt mit Menschen getroffen, die in Lima und im Land Projekte betreuen, welche sich mit Bildung und Behinderung, Menschenrechte, Diversität, Gender beschäftigen. Zu nennen ist da z.B. Capaz oder auch Reaprende. Bei Projekten wie diesen möchte ich sehr gerne mit beratend aktiv werden und auch vor Ort in Peru mitarbeiten. Du hast auch eine persönliche Verbindung nach Peru durch deine Freundin, das hast du schon erzählt. Und damit sind wir ja schon bei dir und deinem Leben. Erzähl doch mal, wer du bist und welchen Impact du mit deinem Projekt Inklusion Inklusive erzielen möchtest.


Ich bin Antonia und alle nennen mich Toni. Von meiner Ausbildung her habe ich in Köln an der ecosign Design angefangen zu studieren und dann in Frankfurt bei einem Künstler gearbeitet. 2009 bin ich heftig gestürzt. Seit diesem Sturz hat sich mein Leben mehr als 180 Grad verändert.


Aufgrund vieler Einschränkungen ist mein Leben im Alltag, in der Freizeit und auch von meinen Werten anders. Ich höre total schlecht, habe Beeinträchtigungen beim Sehen, der Konzentration, Koordination und viele weitere Einschränkungen, daher bin ich oft auf meine Mitmenschen und Kolleg*innen angewiesen und benötige Hilfestellung oder Gesagtes nochmal wiederholt. Oft spring ich in Gruppenmeetings, wenn es der Raum und das Setting hergibt, immer zu den sprechenden Leuten, um besser verstehen zu können.

Dieses “neue Leben” war dann 2013-2015 Basis meiner Diplomarbeit in Köln an der ecosign. Thema meiner Abschlussarbeit war es, ein kommunikatives Hilfsmittel zu entwickeln. Daraus ist dann eine Kampagne entstanden und sogar ein Verein. Was ist das Ziel der Kampagne und der Vereinsgründung gewesen?

Ich wollte gern zur Aufklärung von Menschen mit Hirnschädigung beitragen. Menschen, die wie ich eine Hirnverletzung haben, haben oft wenig Möglichkeiten sich schnell und gut zu informieren und auch Angehörige sind aufgeschmissen. Und Menschen, die sowieso nichts mit dem Leben Behinderter zu tun haben, weil sie nicht betroffen sind, haben von Hirnschädigungen ehrlicherweise keine Ahnung.


Darüber hinaus wollte ich gern den Austausch von Menschen mit und ohne Behinderungen vorantreiben. Angedacht war ursprünglich eine Plattform, allerdings habe ich für die Umsetzung dieser noch keine Zeit gefunden. Das fände ich aber nach wie vor wichtig. Und drittens – und das ist mir wichtig – wollte ich zur Sichtbarmachung, dem Sichtbarwerden und zum Mutmachen von Menschen mit Hirnschäden sowie ihren Angehörigen beitragen.


Später habe ich dann die Gruppe, um die es gehen soll, vergrößert. Mittlerweile geht es nicht nur Menschen mit Hirnschäden, sondern um das Sichtbarmachen von unsichtbaren Behinderungen im Allgemeinen. Das Thema Sichtbarkeit ist mir sehr wichtig, daher gefällt mir euer Name IN-VISIBLE so gut.

Ja, das räsoniert total mit mir. Bei IN-VISIBLE merken wir oft, dass es wenig bis keinen Platz für alternative Geschichten gibt. Die gesellschaftlichen Vorstellungen, die wir über Gruppen haben, sind so mächtig - und obwohl es genügend Gegenbeispiele gäbe, bleiben diese oft unsichtbar. Um das zu ändern und mehr Awareness zu kreieren, wollten wir beide ja auch mal zusammenarbeiten. Wenn ich mich Recht erinnere, war das so: Ein*e Kund*in kaum auf IN-VISIBLE zu, um sich dazu beraten zu lassen, wie zugänglich ihre App für Menschen mit Sehbehinderung sei. Und da uns im Team dazu die Sprechfähigkeit fehlt, haben wir dich dazuholen wollen. Was hattest du dir von diesem Projekt erhofft?

Ja, das war ein großes Unternehmen im Bereich Social Media. Erhofft habe ich mir von der Beratung den Perspektivwechsel mitzugeben, Sensibilitäten herauszukristallisieren. Vielleicht auch mittels eines inklusiven, diversen Teambuildings. Blöd hätte ich gefunden, wenn es nur um Sehbehinderung oder Screenreading also das Auslesen der Social Media Inhalte für Menschen mit Einschränkung welcher Art auch immer, gegangen wäre. Es schien so, als könnten wir hier aber tatsächlich das Verständnis von Mitarbeiter*innen angehen und ihnen Dinge mitgeben, die derzeit für sie unsichtbar sind.


Und dann hat der Kunde das Projekt komplett abgeblasen. Das war frustrierend, fand ich. Wir hatten uns ja schon darüber gefreut, dass sie ihre User Experience durch deine Perspektive reflektieren wollten. Wieso nehmen so viele Unternehmen das Thema dann doch nicht so ernst? Naja, um das Thema so richtig zu bearbeiten, bedarf es Raum. Viele Organisationen wollen das Thema irgendwie mitdenken, nehmen sich diesen Raum aber nicht. Als ich für meine Diplomarbeit recherchiert habe, hatte ich viel mit weiteren Menschen, die auch Hirnverletzungen erlebt haben, zu tun. Dabei ist mir schon aufgefallen, wie schwer es vielen Menschen mit Behinderungen fällt, offen über ihre Behinderung zu kommunizieren. Unternehmen müssen diesen Raum stellen und können nicht erwarten, dass das Thema schnell-schnell gelöst wird.


Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich einen Button, ein Badge entwickelt, der dem Blindenzeichen sehr ähnlich ist, und zwar zwei überlappende schwarze Kreise auf gelbem Hintergrund. Der eine ist in einem halbton Schwarz schraffiert. Eigentlich auch ähnlich zu eurem Logo, welches ja auch aus zwei Interlocking Circles besteht. Diesen Button kann ich mir anstecken im ÖPNV oder auf Reisen. Damit kommuniziere ich meinen Mitreisenden sofort, dass ich nicht so gut sehen kann oder nicht so gut zu Fuß bin oder auch mal was nicht höre. Für mich hat diese Offenheit Transparenz einen echten Mehrwert. Kollegen, Freunde, Mitmenschen im täglichen sind immer wieder dankbar für meine ehrliche direkte Art. Sie überfordern mich nicht, verlangen Sachen von mir, die ich mir vielleicht nicht leisten kann.


Diesen Mehrwert erstmal so zu sehen und das so zu erkennen, bedarf aber von allen Beteiligten Mut. Sie müssen sich auf Neues und Bewegung einstellen und aus ihrer Komfortzone austreten. Das ist dann einigen Unternehmen doch zu viel Umstellung, zu viel Neues, zu viel Zeit.


Nur mit Mut, sich Veränderungen zuzumuten, dem notwendigen Austausch und PingPong, kann es gelingen. Dafür gibt es oft leider keinen Raum! Es bedarf auch Zeit, also die Zeit für ein Umdenken der bisherigen Tagesabläufe, Kommunikationsweisen, Routinen. Die sollte man sich nehmen, wenn man wirklich neugierig auf seine Mitmenschen ist und den Austausch sucht. Das war es dem Unternehmen dann vielleicht doch nicht wert.


Schade. Du verstehst dich als Inklusionsberaterin und arbeitest vor allem an der Schnittstelle Queerness und Behinderung. Was sind denn so typische andere Projekte, an denen du arbeitest und wie lassen sich diese Themen für dich zusammen denken?


Das sind ganz schön viele. Zunächst einmal gibt es es Inklupreneur, ein Projekt bei dem es ganz simpel um Perspektivwechsel geht. Wir beraten Unternehmen, ähnlich wie ihr bei IN-VISIBLE - aber in erster Linie zum Umgang mit Menschen und deren Behinderungen. Sobald wir in den Projekten für die Rechte von Menschen mit Behinderung sensibilisiert haben, passt es gut, auch über sexuelle Orientierung zu sprechen. Letztendlich geht es bei beiden Themen für mich um Respekt.


Ein weiteres Projekt ist Match my Maker, bei dem wir zusammen mit Personen, die auf der Suche nach Hilfsmitteln sind, um ihren Alltag besser zu bestreiten, Dinge entwerfen. Wir arbeiten hier in diversen Teams mit der Methode des Design Thinkings, die ihr bei IN-VISIBLE ja auch für euch nutzt. Das spannende ist hier erstmal das Teambuilding, wir verwenden viel Zeit darauf, auf die einzelnen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Teams einzugehen. Dadurch können wir die Stärken jeder Person, mit und ohne Einschränkung nutzen und dann im Prozess bis hin zur Entwicklung des fertigen Hilfsmittels darauf zurückgreifen. Das Projekt wird vom Verein be-able umgesetzt.


Darüber hinaus bin ich am alternativen Werkstattprojekt “Kunst & Spiel” für Menschen mit Behinderungen auf der Landesgartenschau in Höxter beteiligt. Ich bin Kongressbeobachterin im ersten Teilhabekongress in Bethel. Das Mitwirken bei all diesen Projekten und die stetigen Anfragen zeigen mir , wie unsicher und hilfesuchend unsere Gesellschaft und Arbeitswelt im Umgang mit Behinderung ist. Ich sehe es als meine Aufgabe hier aufzuklären.


Beim Verein be-able wirst du auf der Webseite zitiert. Du sagst, du willst Inklusion in der Gesellschaft fördern. Das will ich auch. Was sind Facetten von Inklusion bezüglich Behinderung, die derzeit viel zu wenig mitgedacht werden? Ein großes Problem ist ein Schubladen denken, das Menschen mit Behinderung nur begrenzte Möglichkeiten zugesteht. Aus meinem Empfinden sind Menschen mit Behinderung oft inaktiv, machen sich klein und nehmen die Opferrolle an, die die Gesellschaft überstülpt. Ich weiß aus Erfahrung: Es ist echt extrem schwierig, sich aus dieser Schublade herauszubewegen. Denn das ist die Schublade, in die man reingesteckt wird. In dieser befindet man sich erstmal, aufgrund der Behinderung. Dieses Schubladendenken muss aufhören!


Es gibt viele Gründe in dieser “Schublade” zu verharren: Eigene Beweggründe genauso wie die der Mitmenschen, Gesellschaft, Infrastruktur, wie z.B. bauliche Hürden.


Und welche Verantwortung haben hier Unternehmen, dieses Narrativ zu verändern? Was können und sollen sie deiner Meinung nach tun?


Für mich ist das ganz einfach. Eine Kultur aufbauen, in der Neugierde positiv besetzt ist. Neugierig auf den jeweiligen Menschen sein, ganz unabhängig von allen Spezialitäten (Geschlecht, Behinderung, Alter, Haarfarbe, Kleidungsstil, etc.). Das Gespräch suchen und im Austausch herausfinden, wie eine Zusammenarbeit stattfinden kann. Wenn es irgendwo klemmt, irgendwas nicht klappt, dann gemeinsam niederschwellig unbürokratisch eine Lösung zu finden.


Eine Person oder Team in ihrer HR-Abteilung als Ansprechperson oder -team für diesen Austausch einführen. Diese Person oder das Team ist verantwortlich für einen “Raum” der Geborgenheit aller Bedarfe für alle, nicht nur die Mitspielenden, Mitarbeitenden oder Freund*innen mit Behinderungen.

Und in welchen Momenten hast du, ganz persönlich, das Gefühl, einen Unterschied mit deiner Arbeit leisten zu können? Ich fühle mich in meiner Arbeit in verschiedenen Momenten wirksam. Zum einen in meiner kreativen Arbeit aber auch überall, wo ich meinen mitgebrachten Perspektivwechsel einbringen kann. Dadurch bin ich authentisch als Gestalterin. Das heißt, ich bin eine Gestalterin durch und mit meinen Behinderungen. Dies ist mein unique selling point und den möchte ich nutzen, um unsere Gesellschaft mitzugestalten.

Danke vielmals, liebe Antonia. Danke für das Interview und danke für deine tolle Arbeit. ***** Das Interview führte Rea. Hier mehr Infos über Antonia, die Inklusion Inklusive und be able findet ihr auf den verlinkten Webseiten.


Außerdem hier nochmal eine Übersicht mit Links zu den Projekten, auf die Antonia im Interview verweist:









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