• Alicia Hernández Lara

People Who Inspire Us: Rigmor Franke

Kennt ihr schon Rigmor Franke (dey/Ricki)?


Ricki positioniert sich als weiße, queere, trans* Person, die einen deutschen Pass und ein polnisches Migrationserbe hat und von Saneismus betroffen ist (strukturelle Diskriminierung von Menschen, die neurologisch von der „Norm“ abweichen). Dey ist Ende 20 und hat erfolgreich den Masterabschluss im Bereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften abgeschlossen. Hierbei hat Rigmor eine Biografieforschung zu Identitätsentwicklung von nicht binären Menschen gemacht, um Normstrukturen und die Bedeutung von geschlechtlicher Marginalisierung aufzudecken. Der Blickwinkel in dieser Arbeit wurde zum einen durch die eigene Betroffenheit gelenkt, dient aber auch für andere betroffene Menschen als wissenschaftliche Sichtbarkeit und Aufklärungsarbeit. Darüber hinaus arbeitet Ricki als Bildungsreferent*in bei Selbst Sicher Sein 2.0 sowie ehrenamtlich für rundum club und das Fluid Festival.


Was machst du bei Selbst Sicher Sein 2.0, rundum club und dem Fluid Festival?


„Selbstsicher Sein 2.0 ist ein soziales Projekt in Hamburg, das durch Demokratie Leben! gefördert wird und zur Identitätsstärkung von Kindern und Jugendlichen ab acht Jahren dient. Mit dem Schwerpunkt Vielfalt fördern, wird sich mit den Themen Anti-diskriminierungs-, Anti-rassismusarbeit auseinandergesetzt und Workshops und Fortbildungen dazu gegeben. Dabei wird mit einem intersektionalen Ansatz gearbeitet. Mein Schwerpunkt ist die geschlechtliche, romantische und sexuelle Vielfalt. Hierbei arbeite ich mit der eigenen Betroffenenperspektive und unterstütze in Fortbildungen in der rassismuskritischen Arbeit, mit den Themen Privilegien als weiße Person (white privilige) sowie Allyship und Powersharing. Eine der Aufgaben, die ich übernehme, ist die Sichtbarmachung von Privilegien und die Reflexion der Hierarchien, die in einer eurozentristischen Gesellschaft existieren und kolonial geprägt sind. Bei der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen geht es um die Selbststärkung und Aufklärung von Kinderrechten und darum den Kindern und Jugendlichen diese durch partizipative Ansätze auf einer künstlerischen und kreativen Ebene näher zu bringen. Das Ziel ist hierbei, sicherere Räume zu schaffen. Aus diesem Grund wurde der erste Queer Treff in Kooperation mit dem Mädchentreff Mümmelmannsberg in Hamburg Mitte aufgebaut, um junge Menschen (12-27 Jahre), die sich der LGBTQIA+ Community zugehörig fühlen, einen Raum zum Austauschen zu geben, in dem über Überlebensstrategien und Queerfeindlichkeit gesprochen werden kann.


Rundum club ist eine Veranstaltungsreihe für safer/braver Spaces in der Technoszene. Es sind Veranstaltungen, bei denen es um ein bewussteres Feiern geht. Hier wird aktiv mit einem Awarenesskonzept gearbeitet, das das Booking, die Infrastruktur, Marketing und dem Schutz der Besuchenden umfasst. Das Kollektiv aus Hamburg setzt sich mit der Frage auseinander, wie die Räume in der Clubszene gestaltet werden. „Darauf aufbauend hat rundum club sich mit der eigenen Verantwortung und Positionierung auseinandergesetzt und eine Awareness-Struktur, sowie einen Code of Conduct (Verhaltensregeln) geschaffen, die Menschen und Communities schützen sollen, die in unserer Gesellschaft von struktureller Diskriminierung, Rassismus und Cissexismus betroffen sind. Das Ziel ist es, dass die Räume dafür dienen, aus der gesellschaftlichen Norm auszubrechen und Machthierarchien aufzubrechen und den Menschen den Raum zu geben, die im Alltag niemals frei davon sein können. Darüber hinaus geht es bei dem Konzept von Safer Spaces darum, sich selbst zu entdecken, sich zu fühlen, sich auszuprobieren, – sei es in einer sexuellen/romantischen/geschlechtlichen Vielfaltsform. Es ist so wichtig, ein awares Sein zu schaffen, um Menschen, die beispielsweise zu einer rundum club Veranstaltung als Artist, Besuchende*r oder Crewmitglied kommen, dafür zu sensibilisieren, welche Räume sie betreten und mit welcher Positionierung sie das machen. Es geht darum, ein Bewusstsein für Achtsamkeit und Konsens zu schaffen. Es gibt eine Mitverantwortung jeder Person, die unsere Räume betritt. Mithilfe unseres Code of Conduct versuchen wir alle Teilnehmenden unserer Veranstaltung zu sensibilisieren und haben ein aktives Awareness Team, das sichtbar arbeitet und ansprechbar ist. Dieses Konzept versuche ich als Host beim Einlass durch das Willkommenheißen näher zu bringen.


Ich bin außerdem Teil des Awareness Teams des Fluid Festivals. Das Awareness Team besteht aus diversen Personen und bringt unterschiedliche Perspektiven Betroffener mit. Hierbei ist unsere Aufgabe Awarenessarbeit für das Festival als auch für die interne Arbeit zu leisten und einen Lern- und Reflektionsraum zu schaffen, in dem wir uns macht- und gesellschaftskritisch mit den Zielen des Fluid Festivals auseinandersetzen. Wir setzen uns mit Hilfe von Workshops mit der Thematik critical whiteness, Allyship und Powersharing auseinander und versuchen Verlernprozesse bezogen auf unsere individuelle Sozialisierung anzuregen. Die interne Arbeit ist prozesshaft und nie zu Ende. Leerstellen aufzudecken ist ein essenzieller Teil der Awarenessarbeit sowie die stetige Auseinandersetzung mit Privilegien und mehr Gehör für Betroffenenperspektiven zu schaffen. Wir stellen uns hierbei dieselben Fragen wie bei rundum club, um Strukturen zu schaffen, die zu sichereren Räume für alle Menschen führen können. Dadurch, dass das Fluid Team dominierend weiß, cis und endo ist, gibt es Räume, die wir nicht für Communities schaffen. Deswegen ist das Konzept Our Space entstanden, das durch die Zusammenarbeit mit Kollektiven aus der BI_PoC, FLINTA+ und Neurodivergenz Community ins Leben gerufen wurde. Dabei sollen diese Spaces einen empowernden Charakter haben, in denen einzelne Personen sich zurückziehen können und durch ihre Community Selbstschutz und Selbstliebe wiederfinden. Neben dem starken Fokus auf Awarenessstrukturen ist Fluid ein progressives Techno Festival, das einen politischen Raum zum Austausch schaffen will und sich neben einem diversen Booking auch durch Kunst und ein queerfeministisches Programm auszeichnet. Hierbei geht es wiederkehrend um das Aufbrechen von Normstrukturen in der eurozentristischen cis hetero weiß dominierenden Gesellschaft. Es soll ein Festival zum Tanzen, Spaßhaben und Wohlfühlen sein, aber auch zum Weiterlernen, Verlernen und Sensibilisieren. Auch hier haben wir einen Code of Conduct formuliert, der auch Thematiken wie kulturelle Aneignung anspricht – was in der Festival Szene ein großes Thema ist.“


Dieses Jahr fand das Fluid Festival zum ersten Mal statt, habt ihr Learnings für das nächste Mal?


„Wir haben sehr viele Learnings, es war ja unser erstes Festival. Wir sind gerade aktiv in eine Reflexionsphase gegangen und wollen unsere Leerstellen und Learnings so bald wie möglich transparent machen. Ein großes Thema ist die Sicherheit eines Geländes und die alltägliche Gewalt von marginalisierten Communities durch explizit bei uns rechtsradikale Gruppierungen, was sich zum Beispiel auch auf sicherere An- und Abreisen zum und vom Festivalgelände bezieht. Hier hatten wir deutliche Leerstellen und eindeutig auch die Konfrontation mit eigenen Privilegien. Wenn wir ein Festival sind mit politischen Ambitionen und bestimmten Communities einen Raum geben wollen, dann müssen wir uns bewusst sein, dass auch Deutschland nicht sicher ist und wir noch mehr dafür tun müssen, um eine Infrastruktur zu schaffen, die alle Besuchenden, Künstler*innen, Dienstleister*innen und die Crew nachhaltig versucht zu schützen. Das Awareness Team ist zunehmend damit konfrontiert, dass andere Festivals ohne Austausch oder Nachfrage mit unseren Code of Conducts arbeiten und nach außen mit einem Awarenesskonzept agieren, das für Besuchende oberflächlich mehr Sicherheit und Reflexion suggeriert. Was meist aber fehlt ist eine aktive interne Weiterbildung, um wirklich mit einem, gemeinsamen erarbeitetem Wissen hinter dem Code of Conduct stehen zu können, sodass es nicht schon intern zu einer Reproduktion von Diskriminierungsstrukturen kommt – was aber natürlich trotzdem immer passieren kann. Bei unserer Reflexion nach dem Festival ist uns aufgefallen, dass Awareness einen Mainstream erlangt und so wie Greenwashing und Pinkwashing eine Art Awarenesswashing langsam aufkommt. Es geht uns nicht darum unser Wissen nicht teilen zu wollen. Wir sind aktiv in der Planung uns mit Festivals und Kollektiven zu vernetzen, um einen „Rundentisch“ zu organisieren, um voneinander zu lernen. Wir haben eine große Verantwortung für die Menschen, die zu uns kommen. Deswegen finde ich es problematisch, wenn Code of Conducts existieren, aber keine Awarenessstrukturen vorhanden sind. Ganz grundsätzlich möchte ich auch, dass wir uns stärker für mehr Barrierefreiheit und Teilhabe von Kindern einsetzen, aber auch gegen Altersdiskriminierung und Klassismus vorgehen. Das sind alles Teile von dem riesigen Awarenessnetz und wir werden nie aufhören über die Räume, die wir schaffen wollen, kritisch nachzudenken und zu überlegen, ob wir Ausschlüsse doch noch reproduzieren.“


Bei deinen Tätigkeiten liegt der Fokus auf der Antidiskriminierungsarbeit. Hierbei legt ihr auch Wert auf das Bewusstsein für die Relevanz der Intersektionalität. Das Fluid Festival und rundum club richten sich jedoch an Erwachsene, warum hast du beschlossen beim Projekt Selbstsicher Sein 2.0 mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten?


„Ich habe mein Leben lang schon mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Sei es durch ehrenamtliche Arbeit bei PBN oder als Mediator*in bei Rock Your Life oder in der Lohnarbeit in einem Kinder- und Jugendheim. Bei meiner Arbeit bei Selbst Sicher Sein 2.0 geht es mir darum, dass ich Kindern und Jugendlichen einen Raum geben möchte, in dem ihre Bedürfnisse und Erfahrungen gesehen werden und ihnen zugehört wird. Sie sollen die Möglichkeit haben zu lernen ihre Gefühle und Emotionen auszudrücken und bei kreativen Projekten dabei zu sein, wo sie ihre Stärken erkennen und stolz auf sich sind. Ich arbeite mit vielen Kindern und Jugendlichen, die schon früh mit Rassismus und Sexismus konfrontiert sind. Ihre Zugehörigkeit (Identität) wird ihnen durch das Othering abgesprochen und sie müssen sich mit Stereotypen konfrontiert sehen, die die Lehrkräfte auf sie reproduzieren. In unserem Projekt wollen wir sie darin bestärken, dass ihre Meinung zählt, dass sie Rechte haben und dass alles hinterfragt werden darf. Wir wollen durch unsere Workshops Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit leisten. Eine Identität ist prozesshaft, es gibt mehr als das, was wir früh als Norm erlernen. Ich bin sichtbar eine queere trans* Person mit polnischem Migrationserbe, spreche mit ihnen über all die Themen, um die Unsichtbarkeitsdynamiken in Institutionen aufzubrechen und eigenes ausgrenzendes Verhalten zu reflektieren.“

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Rigmor spricht in diesem Interview aus der eigenen Lebens- und Diskriminierungserfahrung, dey ist es wichtig sichtbar zu machen, dass ricki selbst noch viele Verlernprozesse vor sich hat.

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