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Bürokratie vs. Inklusion: Wenn man arbeiten will, aber nicht darf.

  • Autorenbild: Luka Özyürek
    Luka Özyürek
  • 5. März
  • 8 Min. Lesezeit

Mariam Soliman ist Fotografin, Media-Designerin, leidenschaftliche Wanderin und war bis letztes Jahr unsere Projektmanagerin bei IN-VISIBLE. Das war für uns ein großes Glück und für sie harte Arbeit - nicht nur im Büro, sondern auch “hinter den Kulissen”. In diesem sehr persönlichen Interview erzählt Mariam, welche Hürden sie als Ägypterin überwinden musste, um in Deutschland leben und arbeiten zu dürfen - denn Bürokratie und Inklusion gehen oft nicht zusammen Der zweite Teil folgt nächste Woche: Was Behörden und Arbeitgeber*innen aus ihrer Geschichte lernen können.


Mariam, du hast uns letzten Herbst leider verlassen müssen. Wie geht’s dir denn seitdem und was machst du so?


Ja, leider bin ich nicht mehr Teil von IN-VISIBLE – auch wenn ich mich innerlich nach wie vor sehr verbunden fühle und die Zeit dort in sehr guter Erinnerung habe. Gleichzeitig habe ich mir in den letzten Monaten bewusst erlaubt, ein bisschen durchzuatmen. Und aus dieser Ruhe heraus sind dann ganz organisch neue – oder vielleicht eher alte, lange ersehnte – Schritte entstanden.


Ich baue mir gerade wieder meine Selbstständigkeit als Fotografin auf. Das war ein Wunsch, der schon lange in mir gearbeitet hat, und nachdem ich IN-VISIBLE verlassen habe, habe ich die offizielle Entscheidung getroffen: Ich mache das jetzt. Die letzten Wochen waren deshalb ziemlich intensiv – ich habe meine Website komplett neu gestaltet (sie ist jetzt endlich fertig: mariamsoliman.com), mein Equipment aktualisiert, Menschen angeschrieben, Ideen sortiert und meinem kreativen Arbeiten wieder mehr Raum gegeben. Es ist alles ein laufender Prozess, aber es fühlt sich sehr stimmig an, diesen Teil von mir wieder ernst zu nehmen.


Parallel dazu habe ich eine kleine Wander-Challenge gestartet: Ein Jahr lang jede Woche eine Wanderung. Begleitend dazu schreibe ich auf Substack über diese Wege – sehr persönlich, reflektiert und mit einer Portion ehrlichem Humor. All das hält mich ziemlich gut beschäftigt – aber auf eine lebendige, freudige Weise. Und ich glaube, genau diese Bewegung, dieses neue Ausrichten, hat es mir leichter gemacht, nicht mehr bei IN-VISIBLE zu sein.


Von Studium bis Freiheit: Was führt jemand nach Deutschland?


Das klingt super toll! Und schön, dass du dir die Zeit und Freiheit dafür nehmen kannst, denn das war ja leider nicht immer so. Aber fangen wir vorne an. Du bist ursprünglich aus Ägypten - was hat dich nach Deutschland geführt?


Das ist eine Frage, die ich immer ein wenig schwierig finde, weil die Antwort viele Ebenen hat. Aber wenn ich es einfach halten soll, dann würde ich sagen: Ich wollte und brauchte mehr Freiheit. Und ich spreche hier ganz bewusst aus meiner eigenen Erfahrung, aus meinem Erleben damals – nicht als allgemeingültiges Urteil über ein ganzes Land. Als junge Frau in Ägypten aufzuwachsen bedeutete für mich, auf kultureller, sozialer und religiöser Ebene viele unsichtbare und sichtbare Grenzen zu spüren. Je älter ich wurde, desto stärker merkte ich, wie sehr mich das in meinem Wunsch nach Entwicklung und Selbstentfaltung einschränkte – körperlich, kreativ, aber auch geistig und spirituell. Ein ganz simples Beispiel ist etwas, das für mich bis heute essenziell ist: allein zu Fuß unterwegs zu sein. Ich liebe es zu laufen – das ist für mich eine Form von innerer Weite. 


Ein Foto von Mariam, auf dem Boden sitzend mit einer Kamera in der Hand.

In Ägypten war das für mich als Frau jedoch nicht selbstverständlich möglich. Sexuelle Belästigung war in meinem Alltag sehr präsent, in einem Ausmaß, das hier in Deutschland oft schwer vermittelbar ist – auch wenn es natürlich auch hier Probleme gibt, nur in einer anderen Dimension. Für mich fühlte es sich damals oft so an, als würde ich durch einen Park gehen wollen, um Vögel zu hören, und stattdessen permanent angepfiffen, kommentiert und manchmal ohne Erlaubnis angefasst zu werden. Wenn ich mich wehrte, wurde mir eher geraten, leise zu sein und weiterzugehen. Als Frau solle ich nicht so laut werden, ich dürfe nicht so wütend sein. Häufig wurde ich dafür kritisiert, dass ich überhaupt allein unterwegs war oder zu „auffällig” gekleidet sei (meistens waren das nur Jeans und T-Shirt, selten ein knielanger Rock).


Mir wurde klar, dass ich gehen muss. Ich brauchte auf allen Ebenen mehr Raum und mehr Freiheit. 

Vielleicht hat sich inzwischen manches verändert, und ich weiß, dass viele Frauen heute sehr mutig ihre Räume einfordern. Aber damals war das meine Realität. Ich habe ebenfalls ständig versucht, meinen Raum einzufordern. Doch ich wurde zunehmend wütend, ausgebrannt, eingeengt und schließlich wirklich verzweifelt. Leider fühlte ich mich auch nicht wirklich verstanden, weil mir immer wieder geraten wurde, mich anzupassen – man könne an der Situation ohnehin nichts ändern. Was andere gut gemeint als Rat formulierten, fühlte sich für mich wie eine Gefängnisstrafe an. Mir wurde klar, dass ich gehen muss. Ich brauchte auf allen Ebenen mehr Raum und mehr Freiheit. 


Gleichzeitig hatte ich durch meine Biografie immer eine Verbindung zu Deutschland. Ich bin auf eine deutsche Schule gegangen, meine Mutter spricht Deutsch, viele Verwandte haben hier gelebt oder gearbeitet. Besonders Berlin war für mich früh ein Begriff – als ein Ort, der als liberal gilt, als offen für unterschiedliche Lebensentwürfe, für Kreativität, für Menschen, die sich mit Fragen von Identität und Menschenrechten beschäftigen. Das hat mich angezogen.


Als meine Universität in Ägypten die Möglichkeit bot, das letzte Semester in Berlin zu verbringen, habe ich mich sofort darauf beworben. Ich wollte diese Erfahrung unbedingt machen – selbst wenn sie nur vorübergehend gewesen wäre. Und ganz ehrlich: Ein Teil von mir wusste damals schon, dass ich nicht zurückgehen würde. Es fühlte sich weniger wie eine strategische Entscheidung an, sondern eher wie ein Überlebensinstinkt. Ich wollte herausfinden, wer ich sein kann, wenn ich mich freier bewege.


Heute sehe ich manches differenzierter als damals. Auch hier ist Freiheit nicht absolut oder selbstverständlich. Aber relativ zu meinem damaligen Erleben war und ist sie auf einer tiefen Ebene spürbar. Und so bin ich nach Deutschland gekommen – Schritt für Schritt, getragen von dem Wunsch nach mehr Freiheit. 


Bürokratie vs. Inklusion: Der lange Weg zur Arbeitserlaubnis


Bis dahin war es aber bestimmt nicht immer einfach. Erzähl doch mal, was du organisatorisch leisten musstest, um dich in Deutschland aufhalten zu dürfen.


Wo fange ich da an? Wenn ich ehrlich bin, bestand der Großteil meines Weges hierher aus dem Überwinden bürokratischer Hürden. Und das war tatsächlich einer der größten Schocks nach meiner Ankunft. Ich hatte mit üblichen Herausforderungen gerechnet – aber nicht mit einer solchen Mischung aus Intransparenz, Widersprüchlichkeit und teilweise sehr herablassender Behandlung.


Die erste prägende Erfahrung machte ich, als ich nach meinem letzten Semester ein Praktikum in einem kleinen Animationsstudio in Potsdam fand. Für mich als Media-Design-Studentin war das ein absoluter Glücksfall. Ich hatte drei Monate im Voraus einen Termin für ein Praktikumsvisum gebucht und alle Unterlagen exakt nach den offiziellen Vorgaben vorbereitet – inklusive Leistungsnachweisen, Einladungsschreiben des Studios und allen Formularen. 

Hunderte Studierende, keine klare Struktur, verschlossene Türen, verzweifelte Antragsteller*innen, null Informationen.

Beim Termin wurde ich gefragt, ob ich noch Studentin sei. Da mein Semester noch lief, antwortete ich ehrlich mit Ja – das Praktikum sollte direkt im Anschluss beginnen. Daraufhin wurde ich ab- und an eine andere Abteilung im selben Gebäude verwiesen. Dort erwartete mich eine völlig überfüllte Situation: Hunderte Studierende, keine klare Struktur, verschlossene Türen, verzweifelte Antragsteller*innen, null Informationen. Trotz meines fest gebuchten Termins wurde ich aufgefordert, am nächsten Tag „sehr früh“ wiederzukommen. Auf meine Frage, wie früh das bedeute, bekam ich die Antwort: Manche Menschen warteten bereits um Mitternacht. Man könne mir sonst trotz meines gebuchten Termins nicht weiterhelfen.


Am nächsten Morgen stand ich um vier Uhr in der Kälte vor dem Gebäude. Ganze acht Stunden später, als ich vor einer weiteren Sachbearbeiterin saß, stellte sich heraus, dass ich ursprünglich in der richtigen Abteilung gewesen war – ein Praktikum gilt als arbeitsbezogen, nicht als studentische Angelegenheit. Mir wurde schließlich geholfen, „ausnahmsweise“. Drei Wochen später erhielt ich auf meine Nachfrage die Antwort, mein Antrag sei abgelehnt worden, da ich angeblich nicht qualifiziert sei – obwohl die Sachbearbeiterin sich weigerte, meine Qualifikationsnachweise beim Termin anzunehmen. Ich solle mich an eine Institution namens ZAV wenden, wenn ich Einwände habe. Diese wiederum teilten mir mit, sie hätten damit nichts zu tun und hätten keine Ahnung, worauf sich die Ausländerbehörde bezieht.


Was folgte, waren Monate voller widersprüchlicher Aussagen, fehlender Zuständigkeiten und emotionaler Ausnahmezustände. Zwischenzeitlich wurde mir mitgeteilt, ich müsse Deutschland kurz verlassen und wieder einreisen, um ein anderes Visum, das ich glücklicherweise hatte und das noch gültig war, zu „aktivieren“, während über meinen Antrag noch nicht einmal entschieden war. Eine Rechtsanwältin erklärte mir später, dass viele dieser Hürden mit der Staatsangehörigkeit meines Passes zusammenhängen. Bestimmte Wechsel – etwa vom Studierendenstatus in einen Arbeitsstatus – sind für einige Nationalitäten relativ unkompliziert, für andere hingegen faktisch nicht vorgesehen oder mit unverhältnismäßig hohen Anforderungen verbunden. Also eigentlich, bis auf absolute Ausnahmen, unmöglich.

Es lag nicht an meiner Qualifikation, sondern an strukturellen Vorgaben, die ich überhaupt nicht beeinflussen konnte, die mich jedoch massivst benachteiligen.

Um überhaupt bleiben zu können, begann ich ein zweites Bachelor-Studium, obwohl ich bereits einen Bachelorabschluss hatte und eigentlich direkt hätte arbeiten können. Diese Entscheidung war keine akademische Neugier, sondern eine strategische Notwendigkeit, um hier bleiben zu können. Später erfuhr ich vom sogenannten Künstler*innenvisum in Berlin. Eine Sachbearbeiterin wollte es mir sogar direkt vor Ort ausstellen, da sie von meinem Portfolio total begeistert war – bis ein kurzer Anruf an ihre Führungskraft ergab, dass ein Statuswechsel für meine Staatsangehörigkeit nicht möglich sei. Ich müsse mein Studium abschließen und erst dann den Wechsel vornehmen. Solche Momente waren besonders schwer, weil sie zeigten: Es lag nicht an meiner Qualifikation, sondern an strukturellen Vorgaben, die ich überhaupt nicht beeinflussen konnte, die mich jedoch massivst benachteiligen.


Ein Selfie von Mariam auf der Straße in einem graffiti-beschmierten Spiegel.

Während der Pandemie verschärfte sich die Situation nochmals. Die Ausländerbehörde blieb wochenlang geschlossen, antwortete nicht auf E-Mails, vergab keine Termine, auch wenn dein Aufenthaltstitel bereits abgelaufen war. Das bedeutete, du konntest Deutschland nicht verlassen, da du ohne gültigen Aufenthaltstitel nicht wieder einreisen kannst. Wieder musste ich draußen in der Kälte warten, zweimal — es hat aber nicht geklappt. Beim ersten Mal warteten schon siebenhundert Menschen nachts vor dem Gebäude, als ich um vier Uhr morgens ankam. Die Länge der Schlange kann man sich gar nicht vorstellen. Natürlich war es für mich zu spät und ich musste es ein zweites Mal probieren. Beim zweiten Mal wartete ich schon um ein Uhr, bis es zu einer Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften kam. Sie behaupteten fälschlicherweise, sie hätten alle Nummern schon vergeben. Als wir logischerweise erkannten, dass sie uns anlügen, reagierten sie äußerst aggressiv, fingen an, uns zu bedrohen und riefen die Polizei an, obwohl kein*e einzige*r von uns gewalttätig war oder Anzeichen von Gewalt zeigte. Das war für mich ein sehr schwerer Moment. Ich hatte das Gefühl, dass wir wie Kriminelle behandelt werden. Nicht wie Menschen. Menschen, die arbeiten und studieren und ein klares Recht auf Verlängerung ihres Aufenthaltstitels haben. Ich hatte das Gefühl, wir wären eine Art Last, ein Störfaktor, nicht eine Bereicherung für das Land.

Natürlich war ich so dankbar, dass es für mich funktioniert hat. Aber ich musste an die vielen anderen verzweifelten Menschen denken, für die es nicht klappt.

Zum Glück konnte der Visaservice der Humboldt-Universität, an der ich eingeschrieben war, mir entgegen aller Vorstellungen weiterhelfen. Sie haben mir gesagt, dass es höchstwahrscheinlich nicht funktioniert, da sogar sie Kontaktprobleme mit der Ausländerbehörde haben, sie es aber versuchen würden. Zu meiner Überraschung bekam ich am späten Abend aus dem Nichts eine Einladung für einen Termin am nächsten Morgen. Dort konnte ich eine Fiktionsbescheinigung — eine Art temporärer Aufenthaltstitel, mit dem man verreisen kann — bekommen. Das war die größte Erleichterung überhaupt. Hätte ich diese Möglichkeit nicht gehabt, wäre ich nicht in Ägypten vor Ort sein können, als meine Großmutter gestorben ist. Natürlich war ich so dankbar, dass es für mich funktioniert hat. Aber ich musste an die vielen anderen verzweifelten Menschen denken, für die es nicht klappt und die ihre Familie nicht besuchen können, weil sie ihren Aufenthaltstitel aufgrund von strukturellen Chaoszuständen nicht verlängern können.


Erst nach Abschluss meines zweiten Studiums erhielt ich schließlich einen Aufenthaltstitel zur Arbeitssuche und später die Arbeitserlaubnis für meine Stelle bei IN-VISIBLE. Auch dieser Prozess war nicht reibungslos, aber im Vergleich zu den vorherigen Erfahrungen fast der unkomplizierteste Schritt. Es war das erste Mal, dass ich offiziell die Erlaubnis erhielt, in Deutschland ganz normal zu arbeiten – wenn auch zunächst an eine konkrete Stelle gebunden.


Wie diese Situation sich auf Mariams Leben auswirkte, warum immer noch Thema ist und was sie sich von Behörden, Arbeitgeber*innen und Kolleg*innen gewünscht hätte, könnt ihr nächste Woche im zweiten Teil des Interviews lesen.

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