• Iulia Moaca

Sexismus im Spannungsfeld von Geschlecht, Gender und sexueller Orientierung

IN-VISIBLE Pride Month Deep Dive

Weiblich, männlich, divers? Von Kategorisierungen und sozialen Schubladen


Weiblich, männlich, divers – Beim Ausfüllen von Dokumenten, Formularen oder Stellenanzeigen steht man mittlerweile häufig (allerdings nicht immer!) vor der Auswahl dieser drei Optionen für die Angabe des eigenen Geschlechts. Wenn es gut läuft. Viel zu oft gibt es – entgegen deutscher rechtlicher Lage – nur lediglich zwei wählbare Optionen, männlich und weiblich. Die Gender-Optionen können den Eindruck vermitteln, dass das eigene Geschlecht in einem dualistischen Entweder-Oder-System verortet ist, in welchem man entweder eine Frau und damit auch von körperlichen Merkmalen her weiblich oder ein Mann und damit von körperlichen Merkmalen her männlich sein kann. Die Option „divers“ eröffnet bei einer solchen Auswahl die Möglichkeit, sich diesem dualistischen Verständnis von Geschlecht zu entziehen und steht für all diejenigen als Option offen, die sich selbst in diesem System nicht einordnen. Was in diesem Kontext aber „divers“ bedeutet, ist vielen oft nicht ganz klar. Somit hinterlässt diese dritte Geschlechtskategorie oft ein Fragezeichen in den Köpfen all derjenigen, die sich selbst sehr wohl in einem binären System verorten. Hinzu kommt, dass das Thema im öffentlichen Diskurs selten offen thematisiert wird. Viele non-binäre Menschen würden vermutlich das Kästchen „divers“ ankreuzen. Aber was ist mit den anderen, deren geschlechtliche Identität nicht kongruent ist zu den körperlichen geschlechtlichen Merkmalen? Finden sie sich bei den Optionen „männlich“ oder „weiblich“ wieder? Und was ist mit denjenigen, die es nicht tun?

Geschlecht, Gender und sexuelle Orientierung: Ein Überblick


In unseren Workshops und Trainings fällt uns immer wieder auf, dass es viel Verunsicherung rund um das Thema Genderzugehörigkeit gibt. Die Charta der Vielfalt e.V. etwa bezeichnet Geschlecht und Gender zusammen als eine Diversitätsdimension, während sie die sexuelle Orientierung eines Menschen als eine weitere Diversitätsdimension einstuft. Bei Letzterem würden wir mitgehen, wobei Geschlecht (biologisch) und Gender (sozial) nicht immer ein und dasselbe sein müssen. Es fällt uns auf, dass die Begriffe Geschlecht, Gender und sexuelle Orientierung oft in einen Topf geworfen und durcheinandergebracht werden, was zu einer Konfusion mit diesem Themenkomplex führen kann.


Wir wollen einmal abholen: Die körperlichen geschlechtlichen Merkmale (Geschlecht) bedingen jedoch nicht automatisch auch die geschlechtliche Identität (Gender) eines Menschen. Dass das zwar häufig der Fall ist, aber dennoch nicht selbstverständlich ist, rückt aufgrund von geduldiger Aufklärungsarbeit und zunehmender Sichtbarkeit all derjenigen Gruppen, die ihre Gender-Identität anders als ihre Geschlechtsidentität leben immer weiter in’s Bewusstsein der Öffentlichkeit. Im Englischen macht es die Differenzierung zwischen gender und sex einfacher, der sich immer mehr Personen in der deutschen Sprache ebenfalls bedienen. Das Problem dabei ist: Weder Gender ist ein dualistisches Entweder-Oder-System, noch biologisches Geschlecht. Beide sind eher als Spektrum zu verstehen, in dem sich Menschen individuell wiederfinden. Das Verständnis von Geschlecht und Gender basiert noch heute auf einem veralteten und konservativen Verständnis von Geschlecht und Geschlechterrollen, welches nach und nach aufgebrochen wird. Wir von IN-VISIBLE möchten dazu unseren Beitrag leisten, indem wir Awareness für aktuelle gesellschaftliche Veränderung in diesem Themenkomplex schaffen.

Der Begriff „Geschlecht“


Der Begriff „Geschlecht“ bezeichnet die biologische, körperliche Konstitution eines Menschen. Ein Mensch kann körperliche Geschlechtsmerkmale aufweisen, die entweder als weiblich oder männlich markiert werden oder aber gleichzeitig auch als weiblich und männlich markierte Geschlechtsmerkmale. Oder nichts von beidem. Es gibt auch Fälle, in denen beispielsweise bei der Geburt eines Menschen die körperlichen Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig zu erkennen oder in dieser Banalität zuordenbar sind. Viele Jahre war es in Deutschland gängige Praxis, dass die primären Geschlechtsorgane von neugeborenen Babys mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen operativ „angeglichen“ wurden an das, was weitestgehend als „weibliche“ oder „männliche“ Geschlechtsorgane verstanden wird. Beispielsweise wurden im Zuge solcher Operationen Vulven oder Penisse operativ geformt, mit denen sich die Menschen später in ihren Leben nicht mehr geschlechtlich identifizieren konnten. Mittlerweile ist diese Praxis in Deutschland verboten und die Komplexität des Themas wird immerhin ein Stück weit mehr zugelassen.

Der Begriff „Gender“


Der Begriff „Gender“ beschreibt die geschlechtliche Identität eines Menschen unabhängig von dessen körperlichen Geschlechtsmerkmalen, die ihm laut biologischen oder anatomischen Definitionen in unterschiedliche Kategorien stecken. Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Geschlechtsmerkmalen als weiblich gelesen werden und sich als Frauen identifizieren. Ich bin eine davon. Es gibt aber auch Menschen, die männliche Geschlechtsmerkmale haben, mit denen sie geboren wurden und die bereits sehr früh oder im Laufe ihres Lebens bemerken, dass ihnen die falsche biologische Geschlechtsidentität zugewiesen wurde – und sie keine Männer, sondern Frauen sind. Entsprechend haben sie auch eine männliche Sozialisation durchlebt, obwohl sich auch diese Gender-Identität nicht richtig angefühlt hat. Oft folgt daraus die Entscheidung, eine Angleichung auch durchzuführen und somit in eine Transition zu gehen. Die Menschen, die den Weg der Transition gehen, werden als Trans-Personen bezeichnet. Sobald die Transition vollzogen worden ist, fällt die Bezeichnung Trans-Frau/Trans-Mann weg und man spricht von Frauen und Männern, sofern sich die Personen als solche identifizieren. Gleiches gilt auch für Menschen, die als Frauen gelesen werden und die sich mit ihren weiblichen körperlichen Merkmalen nicht identifizieren und sich für eine Transition hin zu einem Körper mit männlichen Geschlechtsmerkmalen entscheiden, der zu ihrer geschlechtlichen Identität passen. Es gibt auch Menschen, die nicht-binär sind und weder eine weibliche, noch eine männliche Geschlechtsidentität haben. Inwiefern non-binäre Menschen ihre körperlichen Merkmale verändern, ist sehr individuell und nicht pauschal zu beantworten.

Der Begriff „Sexuelle Orientierung“


Der Begriff „Sexuelle Orientierung“ hat erstmal nichts mit der Gender- oder Geschlechtsidentität einer Person zu tun. Der Begriff bezeichnet, an welchem anderen Geschlecht sich ein Mensch hinsichtlich seiner sexuellen Bedürfnisse orientiert. Der Begriff LGTQIA+ steht dabei für Lesbian, Gay, Transsexual, Queer, Intersexual, Asexual/Agender und alle anderen Personen, die sich in diesen Begriffen nicht wiederfinden. Diese Abkürzung kann verwirrend sein, da sich einige der Kürzel auf Gender-Identitäten und nicht auf sexuelle Orientierungen beziehen (wie etwa Intersexual). Wichtig hierbei ist: Auch die sexuelle Orientierung ist für viele Personen fluide.

Pink Washing und Rainbow Capitalism


Der Monat Juni wird in vielen Ländern der Welt als Pride Month gefeiert, der mit den Paraden am Christopher Street Day seinen Abschluss findet. Jährlich gibt es zum Pride Month auch die Diskussion rund um Vorwürfe des Pink Washings oder Rainbow Capitalisms, der sich an Branchen und Unternehmen richtet, die einmal im Jahr für alle sichtbar die Regenbogenfahnen schwenken – jedoch mit dem Verdacht, dass es nur zur eigenen Selbstvermarktung geschieht und der Pride Month somit für eine positive Außenwirkung instrumentalisiert wird, ohne wahres Interesse am Pride-Gedanken zu haben. Das ist schade, denn Pride Month und Christopher Street Day stehen unter einer solch gewaltigen Geschichte, deren Sichtbarmachung uns alle angeht.

Sexismus richtet sich nicht nur gegen Frauen


Die drei Dimensionen Geschlecht, Gender und sexuelle Orientierung stehen im Spannungsfeld von heteronormativen Geschlechterrollen und damit von strukturellem und institutionalisiertem Sexismus. Die gängige Definition besagt, dass der Begriff Sexismus die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts bezeichnet. Diese Definition muss erweitert werden auf die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihres Genders sowie ihrer sexuellen Orientierung. Sexismus richtet sich als strukturelles Phänomen bewusster und unbewusster Diskriminierung nicht nur an Frauen, sondern auch an all diejenigen, die sich abseits von heteronormativen Geschlechterrollen bewegen und einen Geschlechtshabitus pflegen, welcher nicht in die traditionellen „Geschlechtsschubladen“ zuordenbar ist. Sätze wie „Trans-Frauen sind keine ‚richtigen‘ Frauen“/“Trans-Männer sind keine ‚richtigen‘ Männer“ (wobei ersteres deutlich öfter thematisiert wird, dabei auffallend oft von Frauen), sind Ursprung einer sexistischen Denkweise, in der eine Hierarchisierung von Geschlecht und Gender etabliert ist, die zu kognitiven Verzerrungen und damit zu einer unbewussten Voreingenommenheit gegenüber unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen führt.


Hierbei spielen patriarchale Glaubenssätze und Vorstellung über Wertigkeit von unterschiedlichen Gender-Gruppen genauso eine Rolle wie das nicht-Anerkennen oder Ignorieren von realen Erfahrungen, die Personen im Arbeitsalltag machen. In dem vorherrschenden patriarchalen Gesellschaftssystem, in dem wir uns wiederfinden, sind Frauen eine vermeintliche gesellschaftliche Randgruppe, deren Bedürfnisse und Interessen häufig ignoriert oder übergangen werden, weil sie von denen der patriarchalen Norm abweichen. Selbst nehmen sich Frauen daher oft auch als „Abweichung von der gesellschaftlichen Norm“ wahr. FLINTA und LGBTQIA+ sind ebenfalls gesellschaftliche Randgruppen, deren Bedürfnisse und Interessen genauso oft ignoriert oder übergangen werden. Aufgrund der gesellschaftlichen Position im patriarchalen System kämpfen Frauen oft gegeneinander um „knappe“ Ressourcen (siehe dazu unseren Blogbeitrag zum Thema „Keine Gendergerechtigkeit ohne weibliche Solidarität), wie beispielsweise Akzeptanz und Anerkennung oder dem berühmten „seat at the table“. Der Konkurrenzkampf um „knappe“ Ressourcen und die Notwendigkeit, sich immer wieder behaupten zu müssen, bringt einen Mechanismus mit sich, im Zuge dessen gerade Frauen eine negative Haltung gegenüber anderen Frauen, FLINTA und LGBTQIA+ entwickeln. Tatsächlich erleben gerade Trans- und non-binäre Personen auffallend oft Diskriminierung am Arbeitsplatz, müssen gegen Stereotype kämpfen und viel emotionale Arbeit leisten. Bemühungen für Gendergerechtigkeit am Arbeitsplatz müssen vor allem die Bedürfnisse marginalisierter Gruppen miteinbeziehen.


In den Unconscious Bias und Anti-Sexismus Workshops thematisieren wir bei IN-VISIBLE unterschiedliche Arten von Unconscious Bias, darunter auch den Gender Bias, der in diesem Zusammenhang relevant ist. Da wir in einem patriarchalen Gesellschaftssystem leben, in dem struktureller Sexismus institutionalisiert ist, ist es daher von Relevanz, Missstände zu thematisieren und sich für eine breite Aufklärung dieser Themen einzusetzen.

Proclaimer: Dieser Text wurde von Iulia Moaca geschrieben, Praktikantin und Masterandin bei IN-VISIBLE. Iulia selbst ist cis, das heißt, dass sie mit weiblichen körperlichen Merkmalen geboren wurde und sich als Frau identifiziert. Iulia hat sich im Laufe ihres Masterstudiums viel mit dem Thema Gendergerechtigkeit auseinandergesetzt und bezieht die in diesem Text zugrundeliegenden Informationen aus der Auseinandersetzung mit Formen von strukturellem Sexismus in Deutschland. Wichtig zu erwähnen ist, dass besonders LGBTQIA+-Aktivist:innen maßgeblich zur Sichtbarkeit und Aufklärung von Sexismus gegenüber allen Gendern beitragen.