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„Eine Welt, wie sie sein könnte": Diversity in den freien darstellenden Künsten

Autorenbild: Luka Özyürek
Luka Özyürek
vor 2 Tagen
8 Min. Lesezeit

„Was bedeutet Diversität eigentlich für deine Branche?” Dieses Mal haben wir das Cilgia Gadola vom Bundesverband Freie Darstellende Künste e.V. gefragt. Lies in diesem Interview, warum Kunst diverse Perspektiven braucht, warum Strukturen zugleich Segen und Fluch sein können, und was sie sich von anderen Kulturschaffenden wünscht.


IN-VISIBLE: Hallo Cilgia, danke, dass du dich mit uns zu Diversität im Arbeitsleben austauscht. Für die, die euch nicht kennen: Was ist der BFDK und was machst du dort?


Cilgia Gadola: Der Bundesverband Freie Darstellende Künste e.V. (kurz BFDK) ist die bundesweite Interessenvertretung der Freien Darstellenden Künste. Wir setzen uns für faire Honorare und eine bessere soziale Absicherung ein, entwickeln Ideen für Förderstrukturen und -programme, die über die reine Projektförderung hinausgehen, stellen Wissen zur Verfügung, bieten Qualifizierungsformate an und vernetzen die Akteur*innen miteinander. Und wir machen uns dafür stark, dass alle Menschen Zugang zu Kunst haben – sowohl als Kunstschaffende als auch als Publikum.


Ich selbst habe als Tänzerin angefangen und in der Freien Szene in Berlin viel als Produktionsleiterin gearbeitet. Ich habe Theater- und Tanzwissenschaft studiert und engagiere mich seit vielen Jahren kulturpolitisch. Für den BFDK arbeite ich seit fünf Jahren und bin seit Januar gemeinsam mit Paul Hess in der Geschäftsführung. Mich interessiert dabei besonders, wie wir die strukturellen Bedingungen für künstlerische Arbeit verbessern und dafür sorgen können, dass die Freien Darstellenden Künste ihre Vielfalt auch tatsächlich entfalten können.


Ist die freie Szene inklusiver?


IN-VISIBLE: Mein persönlicher Bias ist: Traditionelle Kulturbetriebe sind wenig divers und langsamer darin, sich zu verändern und inklusiver zu werden. Orte bzw. Akteur*innen der freien Künste sind im Großen und Ganzen viel weiter, sensibler und offener für Veränderungen. Für mich scheint das plausibel, aber ich kann es nicht objektiv belegen. Wie würdest du das sehen - welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es?


Cilgia Gadola: Deine Beobachtung teile ich. Was Veränderung in Strukturen und Arbeitszusammenhängen in den Freien Darstellenden Künsten leichter machen kann, hängt auch damit zusammen, dass sie häufig kleiner und dadurch agiler sind. Aber auch damit, dass sie ihre Arbeitsweisen selbst gestalten und organisieren. Sie sind weniger an gewachsene institutionelle Strukturen, feste Hierarchien und etablierte Routinen gebunden. Viele Akteur*innen der Freien Darstellenden Künste hinterfragen diese Strukturen zudem ganz bewusst und verstehen ihre künstlerische Praxis auch als Möglichkeit, gesellschaftliche Verhältnisse zu reflektieren und andere Formen des Zusammenarbeitens auszuprobieren.


Ein Unterschied liegt für mich deshalb weniger darin, dass die Freien Darstellenden Künste grundsätzlich offener wären, sondern eher in den Voraussetzungen: Sie haben häufig mehr Spielraum, Dinge zu verändern, während größere Kulturbetriebe stärker mit bestehenden Strukturen und Verantwortlichkeiten konfrontiert sind, die weniger flexibel sind. Umgekehrt können größere Institutionen über Ressourcen und langfristige Strukturen verfügen, die notwendig sind, um Veränderungen nachhaltig umzusetzen. Entscheidend ist also nicht allein die Organisationsform, sondern auch, ob Diversität, Zugänglichkeit und Inklusion als gemeinsame Aufgabe verstanden werden und ob es die nötigen Ressourcen und die Bereitschaft gibt, dafür tatsächlich etwas zu verändern. Die Offenheit für Veränderung ist oft da – die Bedingungen, um sie nachhaltig umzusetzen, sind es längst nicht immer.


Es geht um mehr Teilhabegerechtigkeit, aber auch um die Frage, welche Geschichten erzählt werden, wer sie erzählt und für wen Kunst gemacht wird.

IN-VISIBLE: Wir arbeiten viel mit Wirtschaftsunternehmen zusammen, in denen Diversity oft einen „business case“ haben muss, im Sinne von: „Wir können was für mehr Diversity und Inklusion tun, aber das muss sich in erster Linie wirtschaftlich lohnen". Erlebst du das im Kontext der Freien Darstellenden Künste auch so?


Eine Theaterprobe: Mehrere Menschen auf einer dramatisch beleuchteten Bühne.

Cilgia Gadola: Wirtschaftlichkeit spielt in den Freien Darstellenden Künsten natürlich auch eine Rolle, aber Diversität wird häufig aus anderen Gründen zum Thema. Es ist schon lange ein Bewusstsein dafür da, dass bestimmte Menschen und Perspektiven nicht ausreichend beteiligt und repräsentiert sind – angestoßen meist durch Impulse von Aktivist*innen und Künstler*innen, die selbst von Ausschlüssen betroffen sind. Dabei geht es um mehr Teilhabegerechtigkeit, aber auch um die Frage, welche Geschichten erzählt werden, wer sie erzählt und für wen Kunst gemacht wird. Das betrifft die Menschen hinter der Bühne, auf der Bühne und im Publikum.

Der wirtschaftliche Aspekt kommt vielleicht dort ins Spiel, wo es um Publikum und Nachwuchs geht. Kunst muss sich weiterentwickeln und sich mit dem auseinandersetzen, was die Gesellschaft beschäftigt. Wenn sie bestimmte Perspektiven dauerhaft ausblendet, läuft sie Gefahr, Menschen nicht zu erreichen und an Relevanz zu verlieren. Ich würde aber sagen: In den Freien Darstellenden Künsten wird Diversität häufig weniger als wirtschaftliches Instrument verstanden, sondern als Frage künstlerischer Qualität, gesellschaftlicher Verantwortung und gerechter Teilhabe.


Diversity in den freien darstellenden Künsten: Was ist gerade Thema?


IN-VISIBLE: Was würdest du sagen, beschäftigt die Szene in Bezug auf Diversity gerade besonders? 


Cilgia Gadola: Das fällt mir tatsächlich schwer, allgemein zu beantworten. Ich glaube, der Fokus ist bei den einzelnen Spielstätten, Gruppen, Kurator*innen und Veranstalter*innen sehr unterschiedlich. Beim BFDK beschäftigen wir uns gerade viel mit Barrierefreiheit und damit, wie wir unsere eigenen Strukturen und Arbeitsweisen zugänglicher und diskriminierungssensibler gestalten können. Es geht mir dabei auch darum, die eigenen Routinen und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen: Für wen sind unsere Arbeitsweisen eigentlich gemacht? Wer kann daran teilhaben, und wer wird möglicherweise ausgeschlossen?


Daneben beschäftigen uns die Vereinbarkeit von Familie und künstlerischer Arbeit, eine möglichst gendergerechte Sprache und die Frage, wie wir Informationen verständlicher und zugänglicher vermitteln können. Dazu gehören zum Beispiel Übersetzungen ins Englische und Angebote in Einfacher Sprache. Damit wollen wir unterschiedliche Menschen erreichen: etwa Menschen, die neu nach Deutschland gekommen sind und noch nicht gut Deutsch sprechen oder generell fremdsprachige Menschen, oder Menschen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen.

Ich glaube, was diese Themen verbindet, ist die Frage, wie wir Teilhabe nicht nur als Anspruch formulieren, sondern ganz konkret ermöglichen können. Dafür müssen wir uns auch mit unseren eigenen Strukturen auseinandersetzen – und damit, welche Voraussetzungen wir oft ganz selbstverständlich von Menschen erwarten.


Ich denke die größere Herausforderung ist, diese Fragen zusammenzudenken und dauerhaft in Arbeitsabläufen, Entscheidungsprozessen und Organisationsstrukturen zu verankern.


IN-VISIBLE: Du hast gerade schon die Themen Barrierefreiheit, Sprache und Familie bzw. Sorgepflichten genannt – sehr wichtige Gebiete, wenn wir über Zugang und Teilhabe sprechen. Mich beschäftigen im Kontext der darstellenden Künste noch zwei weitere Themengebiete, die meiner Erfahrung nach oft übersehen werden: Körpernormen (z.B. in Bezug auf Gewicht oder Schönheitsnormen) und Klassismus. Also wen man eigentlich auf Bühnen sieht, wer welche Rollen bekommt, wer es sich leisten kann, Kunstschaffende*r zu werden und zu sein, oder auch, für wen Kunst überhaupt gemacht wird. Ist das in eurer Arbeit Thema? Wie wird damit umgegangen? 


Eine Gruppe Frauen in roten und gelben Shirts, die ihre Arme nach oben recken.

Cilgia Gadola: Ja, das sind wichtige Fragen, und sie hängen für mich sehr eng zusammen. Es geht nicht nur darum, wer auf der Bühne sichtbar ist und welche Körper, Genderidentitäten und Lebensrealitäten in welchen Rollen vorkommen. Es geht auch darum, wer überhaupt die Möglichkeit hat, professionell künstlerisch zu arbeiten und langfristig in diesem Beruf zu bleiben.

Beim BFDK beschäftigen wir uns deshalb viel mit den strukturellen Bedingungen künstlerischer Arbeit: mit fairen und auskömmlichen Honoraren, sozialer Absicherung und der Frage, wie wir Arbeitsbedingungen schaffen können, unter denen nicht nur diejenigen Kunst machen können, die finanziell abgesichert sind oder familiäre Unterstützung haben. Denn wenn künstlerische Arbeit dauerhaft schlecht bezahlt und sozial unsicher ist, werden Menschen ausgeschlossen – und zwar nicht zufällig, sondern häufig entlang bestehender sozialer Ungleichheiten. Klassismus ist deshalb auch eine Frage der Kulturförderung und der kulturpolitischen Rahmenbedingungen.


Körpernormen, Schönheitsideale und binäre Geschlechtervorstellungen wirken sich wiederum darauf aus, wer als Künstler*in wahrgenommen wird, wer Rollen bekommt und wessen Geschichten erzählt werden. Das lässt sich nicht allein über Förderprogramme oder bessere Honorare lösen. Dafür braucht es auch eine Auseinandersetzung mit ästhetischen Normen, Besetzungspraktiken und den Machtverhältnissen in künstlerischen Entscheidungsprozessen.


Und dann gibt es noch die Publikumsseite: Wer kann sich Eintrittskarten leisten? Wer fühlt sich in einem Theater oder einer Spielstätte überhaupt angesprochen und willkommen? Deshalb gehören für mich auch Eintrittspreise und kulturelle Bildung dazu. Wenn wir wollen, dass Kunst für unterschiedliche Menschen zugänglich ist, müssen wir sowohl die Bedingungen der künstlerischen Produktion als auch die des Zugangs zu Kunst in den Blick nehmen.


Als Bundesverband können wir diese Fragen nicht allein lösen. Aber wir können sie kulturpolitisch auf die Agenda setzen, auf strukturelle Zusammenhänge aufmerksam machen und uns für Rahmenbedingungen einsetzen, die mehr Menschen ermöglichen, Kunst zu machen und zu erleben. Wichtig ist mir dabei, Diversität nicht als Zusatzthema zu behandeln, sondern als eine Frage, die mitten in der Kunstproduktion, in der Förderpolitik und in der sozialen Absicherung liegt.


Es reicht nicht, den Anspruch zu haben, zugänglicher und diskriminierungssensibler zu arbeiten. Man muss auch die Möglichkeit haben, die eigenen Strukturen zu hinterfragen und tatsächlich zu verändern.

IN-VISIBLE: Das steckte jetzt schon ein bisschen in deinen Antworten drin, aber nochmal konkreter: Welche Hürden siehst du, die mehr Diversität oder mehr Inklusion im Kontext der Freien Darstellenden Künste momentan (noch) im Wege stehen?


Vier schwarz gekleidete Menschen mit weißen Augenbinden, die an einem Seil ziehen.

Cilgia Gadola: Eine große Hürde sind die strukturellen Bedingungen, unter denen die Freien Darstellenden Künste arbeiten: knappe finanzielle Ressourcen, kurze Projektlaufzeiten, wenig Personal mit unsicheren Arbeitsverhältnissen und ein hoher Arbeitsdruck. Diversität und Inklusion brauchen aber Zeit – auch um Vertrauen aufzubauen, Wissen und Ressourcen. Es reicht nicht, den Anspruch zu haben, zugänglicher und diskriminierungssensibler zu arbeiten. Man muss auch die Möglichkeit haben, die eigenen Strukturen zu hinterfragen und tatsächlich zu verändern.


Dazu kommen etablierte Machtverhältnisse und Vorstellungen davon, was als professionell, künstlerisch hochwertig oder förderwürdig gilt. Diese wirken sich darauf aus, wer Zugang zu Fördermitteln, Bühnen und Netzwerken bekommt und wessen künstlerische Arbeit sichtbar wird. Und natürlich gibt es auch in der Freien Szene Diskriminierung und (noch) nicht hinterfragte Annahmen. Ich glaube, eine zentrale Herausforderung ist, sich das einzugestehen, ohne sich davon entmutigen zu lassen. Veränderung setzt voraus, dass wir bereit sind, die eigenen Arbeitsweisen und Privilegien kritisch zu betrachten. Das tut auch schon mal weh.


Dabei dürfen wir die Verantwortung nicht allein den einzelnen Künstler*innen oder kleinen Gruppen übertragen. Wenn wir Inklusion und Diversität ernst nehmen, müssen auch Förderstrukturen und kulturpolitische Rahmenbedingungen so gestaltet sein, dass sie diese Arbeit ermöglichen. Und um hier einen Bogen zu schließen: Das ist Aufgabe einer Interessenvertretung, diese Vermittlung an Entscheidungsträger*innen.


Was läuft schon gut - und was ist der Traum für die Zukunft?


IN-VISIBLE: Was war eine Situation, die du im Rahmen deiner Arbeit erlebt hast, bei der in Bezug auf Diversity oder Inklusion mal etwas richtig gut gelaufen ist?


Cilgia Gadola: Da fallen mir künstlerische Arbeiten ein, in denen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen Teil einer Produktion waren und es ganz selbstverständlich schien, auf ihre unterschiedlichen Bedarfe einzugehen. Ich bin überzeugt, dass das im Prozess nicht einfach war und dass die Beteiligten vielleicht auch an Barrieren gestoßen sind, die sie daran gehindert haben, noch mehr umzusetzen. Für mich sind solche Produktionen trotzdem wahrgewordene Utopien. Sie zeigen eine Welt, wie sie sein könnte. Und sie zeigen, dass es geht – wenn wir bereit sind, Dinge anders zu organisieren und die richtigen Prioritäten zu setzen.


IN-VISIBLE: Was würdest du dir von Akteur*innen bzw. Institutionen der Freien Darstellenden Künste wünschen, damit wir dieser Utopie noch ein Stückchen näher kommen?


Cilgia Gadola: Ich wünsche mir von ihnen und damit auch von uns, dass wir weitermachen – auch wenn uns politische Entscheidungen und konkrete Kürzungen diese Arbeit gerade sehr schwer machen. Gerade dann sollten wir nicht ausgerechnet bei den Themen sparen, die Zugänge für alle und Veränderung ermöglichen. Ich wünsche mir von denjenigen, die mit mehr Privilegien als andere ausgestattet sind – und da zähle ich mich unbedingt dazu –, dass wir uns trauen, Privilegien und das „So haben wir das bisher immer gemacht“ abzulegen. Dass wir bereit sind, Macht abzugeben, andere Perspektiven ernst zu nehmen und auch Dinge zu verändern, die für uns selbst bisher gut funktioniert haben.


IN-VISIBLE: Das kann ich so nur unterschreiben. Vielen Dank für deine spannenden und wichtigen Gedanken und ganz viel Energie fürs Weitermachen in diesen schwierigen Zeiten!

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