Zusammenarbeit in internationalen Teams - mehr als nur Business-Knigge
- Luka Özyürek

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Ich bin ehrlich: Wenn jemand so etwas sagt wie „Diversity ist auch nur so ein Trendthema”, oder „Der Diversity-Trend ist vorbei”, muss ich mir jedes Mal auf die Zunge beißen. Denn Diversity ist kein Trend, sie ist gesellschaftliche Realität. Allein in Bezug auf die Herkunft leben in Deutschland beispielsweise 12,2 Mio. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und ca. 13. Mio. deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund - das entspricht etwa 30% der Bevölkerung. Diese Vielfalt ist da, das ist ein Fakt, egal wie kontrovers gerade mal wieder über Einwanderung debattiert wird.
Und während Diversity an sich kein Trend ist, merken wir bei unserer Arbeit doch, wie Themen im Bewusstsein unserer Kund*innen kommen und gehen. Eine Zeitlang war Gender das große Thema: Wie können wir Frauen fördern? Wie können wir Sexismus begegnen? Was tun, wenn sich eine Person im Team als trans outet? Derzeit erreichen uns besonders viele Anfragen rund um das Thema Migrationsgesellschaft.
Ein zukunftsfähiger Arbeitsplatz braucht interkulturelle Kompetenz
Das macht Sinn: Der Fachkräftemangel beschäftigt nach wie vor viele Unternehmen und internationale Arbeitskräfte sind gefragt. Migration allgemein nimmt zu, remote work macht Arbeiten über Grenzen hinweg möglich, Teams werden immer internationaler. Diese Vielfalt bringt viele Vorteile mit sich, aber sie führt auch zu Unsicherheit und Reibungen. Kein Wunder also, dass Organisationen mehr darüber wissen wollen, wie die Zusammenarbeit gut gelingen kann, wenn unterschiedliche Kulturen und Lebenserfahrungen aufeinandertreffen. Beide Bereiche mitzudenken ist dabei entscheidend - denn es geht hier nicht nur darum, dass die einen zur Begrüßung Hände schütteln und die anderen sich zunicken, sondern auch um Perspektiven, Erwartungen und Benachteiligungen.
Welche Rolle spielen kulturelle Normen?
Wer nach Antworten zu interkultureller oder migrationsgesellschaftlicher Kompetenz sucht (beide Begriffe haben ihre Vor- und Nachteile), stößt schnell auf die typischen Business-Knigge Listen á la „10 Fettnäpfchen, vor denen Sie sich in Japan hüten sollten” oder „Dos und Don’ts für das Geschäftsessen in Frankreich”. Die sind prinzipiell nicht unwichtig, schließlich spielen Normen gerade im Arbeitsleben eine große Rolle und man will grobe Schnitzer vermeiden. Was darüber aber oft vergessen wird: Kulturelle Normen spiegeln sich nicht nur in den (ungeschriebenen) Regeln für einzelne soziale Situationen, und sie gelten nicht nur für den Umgang mit Kund*innen, sondern sie betreffen potenziell jeden Aspekt unseres Arbeitslebens. Das zeigt sich beispielsweise sehr gut in der alltäglichen Kommunikation am Arbeitsplatz:
Wie direkt darf die Kommunikation sein? In einigen Gesellschaften ist es völlig normal, auch Kritik oder Wünsche geradeheraus zu äussern, in anderen formuliert man eher vorsichtig. Trifft das aufeinander, entstehen schnell Missverständnisse.
Welche Bedeutung haben Hierarchien? Wer hat welche Macht? Für die einen ist es völlig normal, ihre Führungskraft zu kritisieren, für andere ist es undenkbar, auch nur zu sprechen, bevor die Vorgesetzte den Anfang gemacht hat.
Welche Bedeutung haben Gesten? Was für eine Person ein positives Signal ist, kann für eine andere beleidigend wirken.

Hinzu kommt natürlich: Während länderspezifische Normen existieren, bedeutet das nicht automatisch, dass auch alle Menschen aus einem Land sie gleichermaßen befolgen. Auch im vermeintlich sehr direkten Deutschland gibt es Menschen, die um den heißen Brei herumreden, und auch vermeintlich redselige Spanier*innen können ruhig und zurückhaltend sein.
Dieser kulturellen und individuellen Vielfalt gerecht zu werden ist eine der großen Herausforderungen, aber auch Chancen, der Zusammenarbeit in international geprägten Teams. Denn sie bedeutet nicht nur mögliche Fettnäpfchen, sondern auch neue Perspektiven und das Hinterfragen eingefahrener Gewohnheiten (von den Vorteilen für die Kommunikation mit internationalen Stakeholder*innen mal ganz abgesehen).
Unterschiedliche Lebenserfahrungen sind Teil internationaler Teams
Aber kulturelle Normen sind nicht der einzige Aspekt migrationsgesellschaftlicher Kompetenz, der am Arbeitsplatz relevant ist. Denn Mitarbeitende mit Migrationsgeschichte und internationale Kolleg*innen bringen häufig auch andere Lebenserfahrungen mit - sei es im Ausland, sei es in Deutschland. Wer beispielsweise nicht aus der EU stammt, muss häufig einen langen und komplizierten Weg zurücklegen, um eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu erhalten. Sprachenlernen kann eine Hürde sein, selbst dann, wenn sie es nicht müsste. Wusstest du, dass es unter Umständen sogar gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verstoßen kann, muttersprachliche Deutschkenntnisse zu verlangen, auch wenn es für eine Stelle nicht zwingend notwendig ist? Und nicht zuletzt erfahren BIPoC (unabhängig davon, ob sie tatsächlich einen Migrationshintergrund haben) nicht nur am Arbeitsplatz regelmäßig rassistische Diskriminierung. Sie werden seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, kritischer bewertet und müssen, wenn sie dann im Unternehmen angekommen sind, nach wie vor oft als „Vorzeigeminderheit” herhalten.
Erfahrungen am Arbeitsplatz als Mensch mit Migrationshintergrund
Und das sind nur einige der typischen Herausforderungen - es kann natürlich noch weit darüber hinaus gehen. Ein paar Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung als Mensch mit Migrationshintergrund:
Die Vorgesetzte, der mein Nachname zu schwierig war und die mich deshalb als einzige Person im Team nur mit Vornamen ansprach.
Die Kollegin, die mir ins Gesicht sagte, wenn sie die Personalverantwortliche wäre, wäre meine Bewerbung schon beim Blick auf den Namen in den Müll gewandert.
Der Freund einer Kollegin, der mich nur von einem Facebook-Bild (in maskulinem Drag) kannte, aber mir rassistische Tiraden schickte, weil er dachte, ich „Macho-Türke” will ihm die Partnerin ausspannen.
Die vielen, vielen Anrufer*innen im Inbound-Callcenter, die mich für mein gutes Deutsch lobten. (Das „Danke, ich hatte 15 Punkte im Leistungskurs” konnte ich mir meistens verkneifen.)
Ich bin in Deutschland geboren, spreche muttersprachlich Hochdeutsch und bin mehr oder weniger weiß. Und trotzdem spielt meine (vermeintliche) Herkunft immer wieder eine Rolle und verschlechtert teilweise sogar meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Diese Erfahrungen brauchen viel Resilienz, Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen - das belastet. Umgekehrt bringen Kolleg*innen ohne Migrationshintergrund oft Unsicherheiten mit: Was darf ich sagen? Wie gehe ich mit Sprachbarrieren um? Was, wenn ich etwas falsch mache? Schlimmstenfalls entsteht so eine Arbeitsatmosphäre, in der sich Mitarbeitende latent unwohl fühlen, Vertrauen fehlt und die Zusammenarbeit leidet. Im besten Fall sind alle bereit, mit- und voneinander zu lernen und über ihren Tellerrand zu schauen. Das stärkt Empathie und Kreativität und macht Teams sogar innovativer.
Wie kann die Zusammenarbeit in internationalen Teams gelingen?
Was kannst du als Mensch ohne Migrationsgeschichte tun, damit die Zusammenarbeit in einem Team gelingt, in dem Menschen mit verschiedensten (Migrations-)hintergründen zusammenarbeiten?
Lass dich auf einen Perspektivwechsel ein. Das ist das A und O der Zusammenarbeit in internationalen Teams. Das gilt sowohl im Großen, wenn beispielsweise neue Kolleg*innen eingefahrene Strukturen hinterfragen, als auch im eher Kleinen, Zwischenmenschlichen. Statt zu denken „Die macht das aber komisch…”, sei neugierig und lerne von deinen Kolleg*innen.
Setze dich mit Rassismus auseinander. Suche dir aktiv Informationen und Perspektiven (z.B. in Blogartikeln, Podcasts oder Büchern) von BIPoC und achte darauf, wo du selber im Arbeitsalltag vielleicht rassistisch handelst. Sei auch bereit, Feedback und Kritik anzunehmen - sie heißt nicht, dass du ein schlechter Mensch bist, sondern sie hilft dir, deine Kolleg*innen respektvoll zu behandeln.
Habe Verständnis und biete Unterstützung an. Das ist besonders relevant, wenn deine Kolleg*innen noch neu in Deutschland sind und beispielsweise ein bisschen Geduld mit Sprachbarrieren brauchen oder eine Person, die zuhört, wenn die Ausländerbehörde Stress macht. So tust du nicht nur was Gutes, sondern stärkst auch das Teamgefühl.
Die Zusammenarbeit in internationalen Teams bringt ihre Hürden mit. Aber mit etwas Empathie, Neugier und der Bereitschaft, sich auf Veränderungen und Kritik einzulassen, kann die sie eine große Bereicherung sein.
Du brauchst dabei Unterstützung oder möchtest dein Team sensibilisieren? Schreib uns!



