Elternschaft als Co-Founder? Wie geht das? Interview mit Yolanda Rother, The Impact Company
- Rea Eldem

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Mehr Frauen in die Gründung! Das finden die allermeisten erstmal gut, die strukturellen Hürden sind allerdings oft vorhanden, vor allem sobald das Thema Elternschaft eine Realität wird.Wir wollen verstehen, wie das ist: Ein Kind bekommen, und zwar als Gründerin einer Unternehmung, die selbst noch am Anfang steht. Im Gespräch über Yolanda Rothers persönliche Reise als Gründerin und Mutter reden wir über die Herausforderungen und Learnings.
Rea Eldem: Lass uns anfangen mit einer kleinen Check-in Runde. Wie geht's dir, Yolanda?
Yolanda Rother: Ich fühle mich heute ganz gut.
Rea Eldem: Heute?
Yolanda Rother: Ja, heute. Es sind gebeutelte Zeiten für Diversity-Arbeit. Wir sehen einen Kulturkampf und den anhaltenden Rechtsruck, und gleichzeitig stellen wir fest, dass die Geschäftslage sich rapide verändert und die Bereitschaft und somit auch Budgets nicht mehr so vorhanden sind. Entsprechend kann das natürlich auch ein bisschen was mit der Laune machen.
Rea Eldem: Das räsoniert sehr mit mir. Vielleicht kannst du dich einmal vorstellen und sagen, was du genau machst.
Yolanda Rother: Mein Name ist Yolanda Rother und ich bin Mitgründerin und Inhaberin von The Impact Company. Wir haben vor 5 Jahren - nach dem Mord an George Floyd und als Antwort auf den Black Lives Matter Sommer in 2020 - gegründet: mit dem Ziel, Diversitätsangebote und -Dienstleistungen für Unternehmen, Institutionen und Organisationen anzubieten, die das auch ernsthaft und mit Wirkung umsetzen wollen. Dabei ging es uns anfangs um die Kernexpertise Antirassismus, die wir allerdings inzwischen intersektional und über verschiedene Diversitätsdimensionen hinweg betrachten.
Rea Eldem: Ich möchte heute mit dir sprechen, weil ich mich für Elternschaft als Co-Founder interessiere. Ich würde behaupten, das Bild vom „Gründer”, welches uns medial vermittelt wird, ist eher kinderlos, ohne nennenswerten Care-Verantwortungen. Man hört von 18-Stunden Tagen, rund um die Uhr am Produkt feilen - irgendwie findet Elternschaft in diesem Diskurs nicht statt, obwohl ich immer wieder Gründer*innen kennen lerne, die Kinder haben. Wie war es für dich, in diesem Umfeld Mutter zu werden?
Yolanda Rother: Ein Business aufzubauen und Elternschaft haben ziemlich viele Parallelen - beide können einem den Schlaf rauben. Und bei mir kamen diese beiden Entwicklungen so ziemlich zeitgleich zusammen - Die Impact Company war gerade im Aufbau, wir waren erst ein Jahr im Geschäft. Und dann stand Anfang 2022 fest, ich bin schwanger und habe genau 9 Monate, bevor ich Mutter werde. Aber was konkret hieß, für mich, für mein Business, für meine werdende Familie, war für mich sehr diffus. Es gab viel Unklarheit, was da eigentlich auf mich zukommen würde. Und dadurch empfand ich einen ziemlich großen Druck, vor allem um finanzielle Sicherheit zu ermöglichen für mich und meine wachsende Familie.
Rea Eldem: Wie bist du damit umgegangen?
Yolanda Rother: Ich habe die Schwangerschaft nicht direkt ankündigen wollen, weil ich mich erstmal sortieren wollte. Neun Monate sind ja auch in der Tat relativ lange auf so ein ganzes Jahr gesehen. Und auch relativ lange im Vergleich zur Geschichte von der Impact Company. ir sind 2020 mit der Idee gestartet. Im Sommer 2021 sind wir auf den Markt gegangen, Anfang 2022 wurde ich schwanger. Ich habe den Antrieb gehabt, schneller zu werden, noch mehr Angebote rauszuschicken und in die Umsetzung zu kommen. Meine Motivation hat sich geschärft. Es gab ein starkes Gefühl von Dringlichkeit, den Wunsch, Dinge ins Rollen zu bringen und nicht lange zu hadern.
Rea Eldem: Und was hat das mit der Zusammenarbeit mit deinem Mitgründer gemacht?
Yolanda Rother: Wir sind ein Unternehmen, das sich das Thema Gleichstellung und Teilhabe auf die Fahne schreibt und anderen Teams dabei helfen möchte. Und plötzlich wird das dann zu einem Thema, was uns direkt betraf. Wir fragten uns: Wie können wir hier Gleichstellung ermöglichen? Wie können wir Teilhabe ermöglichen? Wie können wir das auch als Opportunity verstehen und eventuell als eine Art Best Practice innerhalb von Gründungsteams etablieren?
Rea Eldem: Und, was waren eure Antworten auf diese Fragen?
Yolanda Rother: Ja, das war gar nicht so leicht. Ich wollte das Thema Vereinbarkeit im “Startup” noch stärker auf die Agenda setzen. Im Nachhinein hätte ich die Reise begleiten sollen, samt interner Entscheidungsprozesse, insgesamt dieser Härteproben und alles selbstbewusster und transparenter gezeigt. . Ich hätte mich gern mehr damit positioniert.
Rea Eldem: Du meinst in der Rolle als schwangere Gründerin als Gegengewicht zum typisch männlichen Gründer, der immer available ist und kein Leben neben Arbeit hat?
Yolanda Rother: Ja, genau. Es hätte ein Teil meines Personal Branding, sogar unserer Brand-Narrative und unseres Angebots sein können. Ich denke rückblickend: Schwangerschaft und alles drumherum wird kaum bis gar nicht verbalisiert im Gründungs-Ökosystem und das wäre eine großartige Chance gewesen, dazu etwas zu formulieren.
Rea Eldem: Verstehe.
Yolanda Rother: Gleichzeitig muss ich mich da selber auch an die Nase packen. Hätte ich ja auch machen können. Aber sicherlich war meine Vorsicht auch verbunden mit ein wenig Unsicherheit: Was bedeutet das genau, wenn wir das jetzt kommunizieren? Man macht sich halt eben vulnerabel, macht sich transparent.
Rea Eldem: Ich stelle mir schwer vor, sich mit etwas zu zeigen, das einen selbst noch verunsichert.
Yolanda Rother: Und im Grunde ist es ja auch bizarr: Seit es die Menschheit gibt, gibt es gebärende Mütter, und trotzdem gab es einfach vieles, was nicht gewiss war. Vieles, was einfach unklar war: Wie wird das, wie fühlt man sich? Wie lange kann ich noch während der Schwangerschaft arbeiten? Wann kann ich nach der Geburt wieder einsteigen? Wie verändert mich meine Erfahrung und mein eventuelles Bedürfnis nach Sicherheit? Das sind alles Komponenten und Faktoren,die kann man gar nicht beeinflussen, die kann man auch gar nicht voraussagen.
Rea Eldem: Und wie war das für deinen Mitgründer, dich in diesen Unsicherheiten zu erleben?
Yolanda Rother: Es gab den Wunsch nach einem Plan. Und das konnte ich nur bedingt liefern. Ich wollte mich nicht festlegen und das war natürlich dann irgendwie doof. Sowohl für meinen Mitgründer, als auch für mich.
Rea Eldem: Worauf hättest du dich, ganz konkret, festlegen sollen?
Yolanda Rother: Also, einmal in die Zukunft blicken und fest zusagen, mit wie vielen Stunden steige ich dann wieder ein? Ab wann steige ich wieder ein? Wie und bis wann arbeite ich? owohl vor als auch nach der Entbindung. Wie machen wir das dann mit den Entnahmen und der prozentualen Verteilung? Das sind alles total legitime Fragen. Nur: Ich wusste es nicht. Ich wusste nicht, wie es wird, mein Kind in den Arm zu halten. Ich dachte: Entweder geht's mir nicht gut oder ich fühle es nicht und will gar nicht zurück in die Selbständigkeit. Oder es kann sein, dass nicht alles glatt läuft und ich einfach wirklich mittelfristig verhindert werde. Wir konnten nur auf Annahmen operieren, zum Schluss war es dann so, dass ich kaum raus war einsteige. Aber es war für mich sehr unklar.
Rea Eldem: Was hast du damals von deinem Mitgründer erwartet?
Yolanda Rother: Ich habe sehr viel Flexibilität von meinem Mitgründer erwartet.
Rea Eldem: Und wie kam es dann wirklich?
Yolanda Rother: Ehrlicherweise gab es für mich kaum eine Pause. Gefühlt war es nie wirklich ein raus und rein. Ich war eigentlich ständig mit meinem Business in Kontakt. Ich habe die E-Mails auf dem Telefon gehabt und habe trotzdem irgendwie versucht, noch am Ball zu bleiben. Wir hatten uns ja gerade erst etabliert und ich habe die Company mit aufgebaut. Aber ja, würde ich so nicht empfehlen.
Rea Eldem: Klingt ganz schön anstrengend. Es klingt so, als ob euer Reibungspunkt vor allem in Punkto Planbarkeit vs. Flexibilität lag. Und Planbarkeit ist meines Wissens nach auch mit einem kleinen Kind sehr schwer zu leisten. Dein Bedürfnis nach Flexibilität hat sich wahrscheinlich mit der Geburt auch nicht aufgelöst. Oder?
Yolanda Rother: Korrekt. Ich habe meine kleine Tochter mit zwölf Monaten in die Kita gebracht. Dann kam die Eingewöhnungsphase, das dauerte seine Zeit. Und es hätte auch sein können, dass ich oder meine Tochter merken: ich bin noch nicht so weit, ich will noch nicht. Man muss einfach gefühlt immer wieder neu auf die Situation schauen.

Rea Eldem: Was hat dir geholfen, mit dieser Unsicherheit umzugehen?
Yolanda Rother: Unterstützung, Selbstvertrauen, Zuversicht. Die Großeltern sind hier. Mit meinem Partner, der die Hälfte der Elternzeit genommen und viel Care-Arbeit geleistet hat, hatte ich auch jemanden an meiner Seite, der viel auffangen konnte. Das war eine große Entlastung. Und dann haben wir, sobald er angefangen hat, auch wieder Vollzeit zu arbeiten , eine externe Betreuung gesucht, die zu uns nach Hause gekommen ist. Das hat mir Kapazitäten gegeben, um mal wieder am Stück zu arbeiten. Natürlich ist das auch mit Privilegien verbunden.
Rea Eldem: Die Unterstützung konnte sicher einiges auffangen. Aber wie war das für Shawn?
Yolanda Rother: Wir hatten mindestens ein Jahr, wo wir zusammen gearbeitet haben, bevor er dann selbst ein Kind bekommen hat. In diesem Jahr waren meine Netto-Kapazitäten natürlich begrenzter. Aber ich habe meine Zeit effektiver genutzt.
Rea Eldem: Shawn ist dann auch in Elternzeit gegangen. Waren eure Rollen damit verdreht?
Yolanda Rother: Ich denke, er konnte für sich viel klarer abschätzen, wie er wann drin ist und wann er raus ist. Als Papa kann man sich anders aufstellen, das ist natürlich auch mit Privilegien verbunden.
Rea Eldem: Das ist ein wichtiger Punkt.
Yolanda Rother: Es bedarf einen Privilegien-Check im Gründungsteam selbst. Wenn eine Person nicht gebären wird und nicht den gleichen Anteil an Care-Arbeit übernimmt, dann verschiebt sich etwas. Es ist wichtig, dies anzuerkennen, bevor Kapazitäten und Energien verhandelt werden.
Rea Eldem: Und was würdest du anderen Gründer*innen raten, die in einer ähnlichen Situation sind?
Yolanda Rother: Das Thema Elternschaft, Care Arbeit und Auszeiten ist nicht als Thema für die Zukunft, sondern als Selbstverständlichkeit zu verstehen und von vornherein, bestenfalls im Prozess der Gründung, als Eventualität zu besprechen.
Lieber früher als später externe Unterstützung holen. Zum Beispiel einen Workshop dazu besuchen, wie strukturelle Ungleichheit einen als Team treffen kann, und welche Privilegien jedes Gründungsmitglied mitbringt.
Alles, was die Empathie bzw. Verständnis zwischen den jeweiligen Geschäftspartner*innen schaffen kann, ist gut. Und: angelehnt an bestehende Strukturen von denen Arbeitgeber*innen, vielleicht auch von Anfang an einen prozentualen Teil als Rücklage bilden.
Damit könnte man Eltern im Gründungsteam, aber auch Gründer*innen, die Care-Arbeit für z.B. Familienangehörige leisten, entlasten.
Rea Eldem: So eine Art Auffangnetz. Das finde ich eine super Idee, denn auch ich merke immer wieder: als Selbstständige fällt man sonst echt durchs Raster, wenn es hart auf hart kommt.


