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Woher kommst du (wirklich)? –Unscheinbare Frage mit Nachwirkung

Woher kommst du (wirklich)? Wer Menschen mit Migrationshintergrund diese Frage stellt, will vor allem aus Neugierde den Migrationshintergrund herausfinden. Aber, stimmt das wirklich? Wo verläuft die Grenze zwischen Neugier und Rassismus?


Ich und andere Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund erleben die Woher kommst du Situation regelmäßig im Alltag. Sei es in der Universität, auf der Arbeit oder beim Einkaufen – die Frage nach dem Migrationshintergrund ist zu einem ständigen Begleiter geworden, der nicht ganz ohne Nachwirkungen kommt.


Die ständige Frage nach der Herkunft


Die Thematik ist keine Neuheit und wurde bereits in den vergangenen Jahren stark diskutiert. Losgetreten hat die ganze Debatte ein Tweet von Malcolm Ohanwe, welcher einen Ausschnitt

von „Das Supertalent" (RTL) kommentierte, in dem Juror Dieter Bohlen ein fünfjähriges Mädchen



Woher kommst du wirklich? Rassismus im Alltag oder Neugierde.
Woher kommst du? Schon 2019 wurde hierzu heftig diskutiert.


Dies führte zu einer umfangreichen Diskussion auf Twitter, die unter dem Hashtag #vonhier viral

wurde. Wenn man in Deutschland lebt und das Gesicht nicht kaukasisch ist, dann ist die Frage Woher kommst du? ziemlich wahrscheinlich die häufigste Frage, die einem im Alltag von fremden

Menschen gestellt wird. Was ist das Problem dabei? Warum mögen viele Menschen mit Migrationshintergrund diese Frage nicht?


Mit einer vermeintlich harmlosen Frage Othering praktizieren und Mikroaggressionen auslösen


Die Frage nach der Herkunft wird Menschen gestellt, die nicht der Vorstellung des

normgerechten Deutschen entsprechen. Tupoka Ogette formuliert es in ihrem Buch „exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen” sehr treffend: „Hinter der Frage verbirgt sich, wenn wir mal ehrlich sind, nicht nur reine Neugier. Hinter der Frage befindet sich ein Wunsch. Der Wunsch nach Ordnung. Der Wunsch zu wissen, mit wem ich es denn da zu tun habe. Der Wunsch, das Gegenüber in (m)eine imaginäre Kiste zu packen. Und auf dieser Kiste steht ‘die Anderen’. Da gehörst Du hin. Ich finde Dich interessant, exotisch, spannend, lustig …, aber eines bist Du nicht (so richtig): eine von uns.“ (Ogette, 2017)



Diese Differenzierung geht mit negativen Zuschreibungen, Bewertungen und Erwartungen einher, sie wird auch als Othering bezeichnet, einem Konzept das von Wissenschaftler*innen wie Said und Spivak genutzt und in den Siebzigern weiterentwickelt wurde um Orientalismus und koloniale Strukturen zu analysieren. Mit jedem Woher kommst du? werde ich daran erinnert, dass ich nicht so aussehe, wie die von hier.


Das i-Tüpfelchen auf bereits erlebte Rassismuserfahrungen


Die Frage suggeriert mir also subtil, dass ich auf mein Gegenüber anders, fremd oder eben nicht deutsch wirke. Folglich kann die Frage sehr verletzend sein: Viele Deutsche mit Migrationshintergrund fühlen sich genauso deutsch wie Deutsche ohne Migrationshintergrund und möchten gerne auch so deutsch gesehen werden. Besonders für diejenigen, die mit einem Migrationshintergrund in Deutschland geboren und mit der deutschen Kultur aufgewachsen sind, vermittelt die Frage nach ihrer Herkunft aufgrund äußerlichen Merkmale oft ein Gefühl der Fremdheit und Exklusion.


Da nicht betroffene Menschen das Gefühl persönlich nicht kennen, kann es auch leicht missverstanden werden.


Auf Personen, die diese Frage einfach mit einer deutschen Stadt beantworten und damit die Unterhaltung beenden können, wirkt der Diskurs vielleicht manchmal komisch. So, wie die gewaltvolle Natur der Frage derzeit medial diskutiert wird, könnte der Eindruck entstehen, dass die Frage Woher kommst du? wie eine Faust ins Gesicht von den Betroffenen wahrgenommen wird. Das Gegenteil ist der Fall: In dem Moment, indem sie gestellt wird, ist die Frage oft klein und unscheinbar. Aber sie addiert sich über die Zeit und fühlt sich für viele an wie „wiederholte Mückenstiche“ (Fusion Comedy, 2016; Coach Köln, 2021), „Nadelstiche“ (Vu, 2019) oder wie das i-Tüpfelchen auf bereits erlebte Rassismuserfahrungen.


Dieses Phänomen wird auch Mikroaggression genannt: Alltägliche Kommentare, Fragen, verbale

oder non-verbale Handlungen, die überwiegend marginalisierte Gruppen treffen und negative Stereotypen verfestigen, welche oft nicht verletzend gemeint sind (Gender Equality & Diversity Universität Köln, 2022).


Zwischen Empfindungen und Neugier: Für ein verständnisvolles Miteinander

Auf der einen Seite möchten Menschen mit Migrationshintergrund akzeptiert werden, ohne dass

ihre äußere Erscheinung oder Herkunft ständig im Fokus steht. Auf der anderen Seite gibt es

jedoch auch Menschen, die aufrichtiges Interesse an der Herkunft ihres Gegenübers haben.

Vielleicht betrachten sie ihren Gegenüber als Deutsche und möchten dennoch gerne wissen, wo

ihre Wurzeln liegen. Schließlich sind ethnische und kulturelle Wurzeln auch ein bedeutender

Bestandteil der Persönlichkeit und prägen Werte, Traditionen und Lebenserfahrungen eines

Menschen.


Sollten wir also von den Fragern fordern: Seid nicht so unsensibel und hört auf, diese Frage zu stellen? Oder, ist es legitim von Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte zu fordern, sie sollen sich nicht so anstellen und eine harmlose Frage beantworten? Ich denke: Um ein verständnisvolles Miteinander und eine konstruktive Diskussion zu fördern, ist es wichtig, eine gemeinsame Basis zu finden, auf die wir uns alle einigen können.


Ist Woher kommst du Okay?


Wir kennen die Gefühle des Gegenübers nicht


Nehmen wir mich als Beispiel: Ich, 23 Jahre alt, wurde in Deutschland geboren und fühle mich auch als deutsch. Meine Eltern sind in den 80er Jahren vor dem Vietnamkrieg und der Unterdrückung des Kommunismus geflüchtet. Ich selbst hatte lange Zeit keine Verbindung zu Vietnam und habe das Land bis zu meinem 19. Lebensjahr noch nie besucht.Mir war die Frage nach der ethnischen Herkunft immer sehr unangenehm, da ich keine Verbindung zum Heimatland meiner Eltern hatte, aber trotzdem aufgrund meines Äußeren darauf reduziert und daran erinnert wurde, dass ich in meinem eigenen Heimatland anders bin.


Die Journalistin Vanessa Vu hat auch vietnamesische Eltern und hat sehr eindrücklich beschrieben, warum die Frage nach ihrer Herkunft mit viel persönlichem Schmerz verbunden ist:

“Es hat damit zu tun, dass die Antwort nicht einfach nur "Vietnam" lautet. Sie beinhaltet Krieg, Gewalt, Flucht und Traumata. Das sind keine einfachen Themen für mich. Und es hat damit zu tun, dass allein die Frage mich zu einer Fremden macht und ich für mein vermeintliches Fremdsein ausgelacht, ausgeschlossen und zusammengeschlagen wurde. Ich konnte viele Jahre nicht sicher sein, überhaupt in diesem Land leben zu dürfen, sondern hatte Nacht um Nacht Angst vor Abschiebungen. Ich war nicht nur optisch anders – mein Anderssein war existenzbedrohend” (Vu, 2019).


Die Frage kann also bei Menschen emotionalen Ballast mittragen, sodass sie diese auch gar nicht beantworten möchten, vor allem nicht mit Menschen, welche man gerade erst getroffen hat.

Hingegen zeigen andere Personen mit Migrationshintergrund, wie die Journalistin Düzen Tekkal, kein Problem mit der gestellten Frage:


“Dass die einfache Frage, woher kommst Du, plötzlich eine Verletzung darstellen soll, das will und kann mir einfach nicht einleuchten. Ich habe das schon so häufig erlebt und noch nie als Rassismus empfunden", sagt sie. Sie habe kein Problem damit, wegen ihres Namens oder ihres Aussehens nach ihren Wurzeln gefragt zu werden” (Hille, 2019).


Das waren nun drei einzelne Erfahrungsberichte, die alle einen anderen Bezug zu dieser Frage haben. Aber es gibt noch viele weitere Menschen mit vielfältigen Hintergründen, Geschichten und Erfahrungen. Somit ist es also auch unmöglich persönliche Erfahrungen auf andere zu übertragen. Ein Fragender kann demnach nicht erwarten, dass der Gesprächspartner seine Empfindungen herunterspielt oder als übermäßig sensibel abtut, da es unmöglich ist, einer anderen Person seine individuellen Erfahrungen und Gefühle abzusprechen.


Wichtig ist die Intention


Kommen wir nun zu der anderen Seite des Dialogs. Hier gibt es ebenfalls einen Punkt, auf den wir uns alle einigen sollten: Die Absicht ist wichtig.Wie bereits zuvor erläutert, können Mikroaggressionen zwar nicht verletzend gemeint sein, verletzen dennoch Menschen, beispielsweise aus Unwissenheit über die Gefühle der anderen Person. Trotzdem ist es wichtig, ob man die Absicht habe, jemanden zu verletzen oder nicht. Es gibt einen Unterschied, ob jemand danach fragt, ob ich aus Vietnam komme, weil er begeistert von seinem eigenen Vietnam-Urlaub erzählen möchte, oder ob er mir anschließend sagt, dass ich dorthin zurückkehren sollte. Wenn Fremdenfeindlichkeit mit Unbeholfenheit gleichgesetzt wird, ist dies nicht nur unfair gegenüber den unbeholfenen Menschen, sondern es schmälert auch die Bedeutung von Hass und Rassismus.


Aufklärung und Allyship sind die Schlüssel zu einem respektvollen Miteinander


Oftmals erlebe ich, dass die befragten Personen trotz ihres Wissens darüber, dass die gestellte Frage auf die ethnische Herkunft abzielt, nicht aktiv zur Lösung beitragen. Das absichtliche Ping-Pong-Spiel stiftet nur Verwirrung, insbesondere, wenn der Fragende gar nicht weiß, warum man gerade genervt ist. Dementsprechend wird die Person in Zukunft den Nächsten fragen, wo er herkommt, weil das Missverständnis nicht aufgeklärt wurde.



Was wäre stattdessen zielführend?


Die Fragenden könnten beispielsweise zunächst auf die gegebene Antwort eingehen. Wenn Interesse an der Herkunft einer Person besteht, sollte der Ort, an dem sie aufgewachsen ist, genauso interessant sein wie ihre ethnischen Wurzeln. Auf diese Weise wirkt es natürlicher, im Verlauf vertiefende Fragen zur ethnischen Herkunft zu stellen. Falls man merkt, dass die Person der Frage ausweicht und nicht beantworten möchte, sollte man dies akzeptieren und respektieren, da wir die Gefühle, Erfahrungen und Geschichten des Gegenübers nicht kennen.


Man sollte sich bewusst werden, dass die die Frage nach der Herkunft nicht nur oberflächlicher Smalltalk ist, sondern oft mit emotionalem Ballast verbunden sein kann.


Um sensibler damit umzugehen, könnte beispielsweise gefragt werden: Darf ich dich etwas Persönliches fragen? Was sind deine Wurzeln? Die befragten Personen könnten respektvoll darauf hinzuweisen, dass Herkunft vielschichtig ist: Was möchtest du wissen? Wo ich herkomme oder über meine Wurzeln liegen? Wenn die Frage einen stört, könnte man höflich darauf hinweisen: Ehrlich gesagt, stört mich diese Frage, weil ich mich in meinem eigenen Heimatland dadurch ausgegrenzt fühle. Ich weiß aber, dass du es nicht böse meinst.


Aufklärung ist die Lösung von Unwissenheit


Die Arbeit andere aufzuklären sollte nicht nur bei Menschen mit sichtbaren Migrationshintergrund liegen, welche die Erfahrungen gemacht haben. Auch Menschen ohne diese Erfahrungen, welche solche Mikroaggression mitbekommen und aufgeklärt darüber sind, sollten sich mit den betroffenen Personen verbünden und solidarisieren. Dieses Handeln wird auch als Allyship bezeichnet, eine aktive und konsequente Praxis des Umlernens und Neu­bewertens, bei der eine Person in einer privilegierten und machtvollen Position versucht, in Solidarität mit einer Randgruppe zu handeln (Gender Equality & Diversity Universität Köln, 2023). Der Aktivist Raul Krauthausen hat viel Content dazu veröffentlicht, wie man ein besserer Ally sein kann Krauthausen, R. (2023, Mai). Sich damit zu beschäftigen, das wäre allerdings die Verantwortung jedes Einzelnen.


Nur gemeinsam können wir aktiv gegen Rassismus vorgehen. Dazu gehört auch, uns der

Mikroaggressionen bewusst zu werden, die wir, auch ohne schlechte Intention, tätigen. Woher kommst du (wirklich)? kann harmlos sein, manchmal ist die Frage aber auch gewaltvoll. Als Gesellschaft haben wir die Aufgabe, uns gegenseitig aufzuklären und somit den interkulturellen Dialog zu fördern. Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, ein verständnisvolles und respektvolles Miteinander in der Gesellschaft zu schaffen und am selben Strang zu ziehen.


 

Dieser Text ist im Seminar „Diversity im Lern- und Arbeitsumfeld“ entstanden, welches Rea Eldem, Gründerin und Geschäftsführerin von IN-VISIBLE am Hasso-Plattner-Institut leitet. Der Autor Kien Vu ist Student des Studiengangs IT-Systems Engineering.

Quellen

Ohanwe, M. [@MalcolmOhanwe] (2019, 18. Februar) X. https://x.com/MalcolmOhanwe/status/1097438488696406017


Das Supertalent. (2018, 24. November). Wie süß! Diese 5-jährige verzaubert Dieter! | Das Supertalent 2018 | Sendung vom 24.11.2018. Youtube. https://www.youtube.com/watch?v=WD0sp0YcsH4


Ogette, T. (2017). exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen. (9. Auflage).



Gender Equality & Diversity Universität Köln. (2022, 11. Januar). Mikroaggressionen. https://vielfalt.uni-koeln.de/antidiskriminierung/glossar-diskriminierung-rassismuskritik/mikroagressione


Fusion Comedy. (2016, 05. Oktober). How microaggressions are like mosquito bites • Same Difference. Youtube. https://www.youtube.com/watch?v=hDd3bzA7450


Coach Köln. (2021, 21. März). „Mückenstiche" von Sam. Empowerment through stories, art and exchange. Youtube. https://www.youtube.com/watch?v=k9ipWLeniJY



Hille P. (2019, 21. März). Woher kommst Du? #vonhier. https://www.dw.com/de/woher-kommst-du-vonhier/a-47988141


Gender Equality & Diversity Universität Köln. (2023 19. Dezember). Allyship - Was kann ich dagegen tun?. https://vielfalt.uni-koeln.de/antidiskriminierung/glossar-diskriminierung-rassismuskritik/allyship


Krauthausen, R. (2023, Mai). Wenn dir das nächste Mal in deinem Alltag eine Mikroaggression gegenüber einem Menschen mit Behinderung begegnet, kannst du diesen Satz aus der Schublade ziehen … [Post]. LinkedIn. https://www.linkedin.com/posts/raulkrauthausen_besserallysein-activity-7072882526729424896-CNCi/


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