• Rea Eldem

Zum Weltfrauentag

Noch einmal schlafen, dann ist es soweit. Weltfrauentag. Feiertag in Berlin. Tag zum Feiern in ganz Deutschland. Und in der Welt. Feiern der Errungenschaften um Frauenrechte und all das, was die Frauen alltäglich so stämmen. Denn das will anerkannt sein und wertgeschätzt werden. Oder?


Vom Lobgesang auf Frauen und Girlpower


Ich habe schon letzte Woche von Blumen2000 einen Werbenewsletter bekommen, Titel: "Girlpower muss gefeiert werden 💐💗". Während ich mich frage, wie ich wieder aus diesem Newsletter rauskomme, überlege ich, was das eigentlich heißt. Girlpower feiern. Seitdem es IN-VISIBLE gibt, nämlich seit 2018 ist es nun das fünfte Mal, das mich an diesen Tagen vor dem Weltfrauentag ein ungutes Gefühl begeleitet, während ich mit Werbung und catchy Slogans zugetextet werde.


Auch Unternehmen, deren Produkte sich nicht ganz so gut mit "Girlpower" verknüpfen lassen nutzen den Tag um ihre Mitarbeiter:innen in den Fokus zu stellen. Das tun sie auf ganz unterschiedliche Weise, teilweise mit Schenkungen, teilweise mit Themen-Beiträgen und Workshops, die zur Feier des Tages für Mitarbeiter:innen angeboten werden.


Weniger Happy-Frauen-Tag-Rhetorik, mehr Problembewusstsein


Das Frustrierende Vorab. Ähnlich wie andere wichtige Tage, die historische Errungenschaften von Frauen und marginalisierten Gruppen feiern, entzieht sich auch der Weltfrauentag nicht der zunehmenden Kommerzialisierung von politischen Kämpfen. Es werden Fahnen geschwungen, Blumen verschenkt, auf Firmen-Websites die Außenkommunikation angepasst. Aktionismus, PR, Pinkwashing. Das ist schade, denn wenn wir ehrlich zu uns sind, kann der Weltfrauentag 2022 kein Tag von Freude sein. Zu weit weg sind wir noch von Gender-Gerechtigkeit in der Welt, aber auch hier bei uns in Europa, in Deutschland. Ein symbolträchtiger Tag ist gut, denn er eignet sich um diesen Ungerechtigkeiten ins Auge zu sehen. Wer Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft in den Fokus rücken will, der:die muss auch die Ungerechtigkeiten die mit dieser Rollenverteilung in den Fokus setzten. Hier reicht keine Wertschätzung. Es reicht kein: „Toll, wie ihr das schafft“.


Es bedarf einer selbstkritischen Haltung. Die beginnt mit der Anerkennung einer sich hartnäckig anhaltenden Ungleichheit zwischen allen Gendern, die sich unter anderem in ungleicher Arbeitsaufteilung, ungleichen Löhnen für gleiche Arbeit und mangelnder Repräsentation zeigt. Diejenigen, die diesen Tag nutzen um über diese Probleme zu sprechen, sind einen Schritt voraus. Weniger Happy-Frauen-Tag-Rhetorik, mehr Problembewusstsein.


Es sind unter anderem die hier beleuchteten Gründe, die queer-feministische Bewegungen in den letzten Jahren dazu veranlassten, sich auf den Begriff Frauenkampftag zurück zu besinnen, der an konkrete Forderungen geknüpft ist und in einer aktivistischen Tradition steht. Oder feministischer Kampftag um auch andere marginalisierte Gender-Gruppen miteinzuschließen die unter derzeitigen Strukturen benachteiligt werden. Wie so oft könnten hier Organisationen aus dem aktivistischen und akademischen Spektrum lernen und sich etwas abschauen.



Gender-Ungleichheit erforschen, Strukturen beleuchten


Problembewusstsein ist der erste Schritt, aber der reicht nicht. Am Weltfrauentag reden viele sich Jahr für Jahr den Mund fusselig und zählen all die Statistiken auf, die mittlerweile alle kennen dürften. Die Antwort auf diese Statistiken sind allzuoft vage Visionen. Und viel zu selten klare Ziele mit konkreten Maßnahmen.


Wer Maßnahmen entwickeln will, sollte zunächst den Status Quo analysieren. Wenn zum Beispiel zu wenig Frauen in Führung „wollen“, wäre es sinnvoll herauszufinden, woran das liegen mag. Wer sich hier nicht in Gründlichkeit übt, erhält schnell einfache Antworten. Frauen hätten nicht genug Selbstbewusstsein. Frauen trauten sich nicht genug zu. Frauen seien nicht dominant genug. Ein Frauen-Workshop hier, eine Fortbildung dort - vermeintlich gelöst!


Es lohnt sich hier innezuhalten. Und die eigene Organisation und das System, in der der:die Einzelne und das Team agiert einmal kritisch zu hinterfragen. Denn ungleiche Arbeitsaufteilung, ungleiche Löhnen für gleiche Arbeit und mangelnder Repräsentation sind nicht das Produkt von unüberlegten oder gar unfähigen Entscheidungen von Frauen. Wenn Dinge nicht weg gehen - über Jahre- dann deutet das auf strukturelle Probleme hin. Und diese lassen sich nicht auf der Individual-Ebene lösen, z.B. indem ein Unternehmen weibliche Führungskräfte coached.



Dinge beim Namen nennen, auch Sexismus.


Wer strukturelle Probleme erforscht, der:die stellt schnell fest, dass ein einzelnes Unternehmen nur bedingt Wandel vorantreiben kann. Denn es existiert nicht im Vakuum. Genauso wenig wie Frauen im Vakuum Entscheidungen über ihr Gehalt treffen, sich mehr oder weniger Durchsetzen oder Unterbrechen (lassen). Das Anerkennen von strukturellen Ungleichheiten führt unabdingbar zu einem bitteren Erwachen: Viele der Probleme, die am Weltfrauen-Tag in rosa-rote Botschaften umkodiert werden (Frauen sind doppelt belastet und verdienen gleichzeitig weniger wird etwa zu, „toll wie ihr das alles schafft, Hut ab“) sind nicht leicht zu lösen. Sie erfordern einen Wandel, der aufwendiger ist, als allen einen Strauß voll Frühlingsblumen in die Hand zu drücken. Er erfordert Ziele und Maßnahmen - eine Strategie.

Bestandteil einer solchen Strategie muss unbedingt auch das Benennen von dem Fundament für viele der Ungleichheiten sein, denen wir uns morgen widmen. Sexismus. Ein unbeliebtes Wort, unsere Organisationen, mit denen wir zusammen arbeiten bitten uns regelmäßig die Workshops „anders zu verpacken“. Verständlich. Wer will schon ein:e Sexist:in sein?


Ich denke, ein Weltfrauen-Tag, an dem wir uns alle dem Sexismus widmen würden, wäre ein sinnvoller Welt-Frauen-Tag. Sexismus, das ist die strukturelle Abwertung von Frauen und gender-marginalisierten Gruppen. Sexismus ist das, was wir als Kind lernen. Wenn wir Filme gucken. Wenn wir Werbung sehen. Wenn wir unsere Gesellschaft ansehen. Wir lernen, dass Frauen abgewertet - also weniger Wert sind. Sie müssen mehr arbeiten, sind weniger mächtig. Das ist die Realität - und die saugen wir auf. Und reproduzieren sie. Sexist:in sein erfordert keine böse Intention. Es ist die Norm. Es ist das, was wir lernen, auch in unserem Denken. Und das Verfestigt sich in unseren Strukturen - auch in unseren Institutionen. Wer das ändern will, der:die sollte diese Strukturen mit seinen:ihren Mitarbeiter:innen ansehen, sich reflektieren, eine Redekultur schaffen, bei der Sexismus kein Tabuwort ist. Das Bekämpfen von Sexismus und das Gestalten einer Arbeitskultur, die diesem entgegenwirkt ist der Dreh- und Angelpunkt eines gesellschaftlichen Wandels, den wir an Tagen wie dem morgigen vorantreiben wollen.