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Lern lieber was Ordentliches: Zur Sichtbarkeit und Bezahlung von Frauen im Spitzensport.

Welche Namen fallen dir ein, wenn ich dich nach den größten Sportlegenden der heutigen Zeit frage? Bei mir wären es Usain Bolt, Lionel Messi, Timo Boll und Michael Schuhmacher. In meiner Kindheit waren diese Sportler dauerhaft präsent, ob in den Medien, im Elternhaus, oder auf dem Pausenhof.


Was mir dabei nicht auffiel? Es waren fast ausschließlich männliche Sportler, die im Vordergrund standen. Spitzensportlerinnen waren hingegen kaum präsent, und auch heute muss ich scharf nachdenken, um auf eine Handvoll zu kommen Diese unbalancierte Außendarstellung der erfolgreichen Sportlerinnen und Sportlern hatte nicht nur Auswirkungen auf mein Selbstverständnis als Frau im Sport - sondern auch generell aufden weiblichen Leistungssport. Eine von vielen Konsequenzen der Unsichtbarkeit von weiblichem Spitzensport sind die Gehaltsunterschiede zwischen Sportlerinnen und Sportlern.


Bin ich weniger Wert, nur weil ich eine Frau bin? Abwertende Bilder von Frauen im Sport.


Ich spiele Tischtennis als Leistungssport in der dritten Bundesliga der Damen und habe in der letzten Saison meinen Mut gefasst, den Vereinsmanager nach einer Entlohnung zu fragen. Zuvor habe ich mich umgehört, wie viel andere Spieler verdienen, um einen Anhaltspunkt zu haben. Dabei habe ich zwei meiner männlichen Tischtennisfreunde gefragt, die in der 3. Liga der Herren spielen. Ich habe herausgefunden, dass sie rund 3000€ für eine Saison bekommen. Das Verhandlungsgespräch mit dem Vereinsmanager verlief allerdings nicht wie erwartet. Nachdem ich ihm mein Anliegen erläutert habe, war er schockiert davon, dass ich es mir überhaupt erlaube, nach Geld zu fragen. Nachdem ich den Vergleich zu den Herrengehältern gezogen hatte, argumentierte er, die Herren spielten ja besser als die Damen. Er stützte sich hierbei auf vermeintlich naturgegebene Unterschiede, also die körperlichen Voraussetzungen, die Frauen seiner Auffassung nach nicht gleichermaßen mitbrächten. Ich verließ das Gespräch mit 0€ und kompletter Fassungslosigkeit über das abwertende Bild von Frauen im Sport.


Das Ausmaß der geschlechtsspezifischen Gehaltsunterschiede im Spitzensport ist jenseits von gut und böse


Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt es injeder Branche in Deutschland, so auch im Sport. Und zwar in jeder Sportart. Je professioneller es wird, desto größer sind die Unterschiede. In dem Global Sports Salaries Survey von 2017 wird die Thematik rund um das Unequal Payment im Profisport beleuchtet. Der Bericht umfasst eine umfassende Datenanalyse über die Gehälter der jeweils 12 bestbezahlten Sportligen der Frauen und der Männer auf der Welt, bei denen 7265 Sportler aus 6 Sportarten und 2461 Sportlerinnen aus ebenfalls 6 Sportarten befragt wurden. Was kommt raus? Zusammengenommen verdienen die Männer $20,4 Milliarden, womit ein einzelner Sportler durchschnittlich $2,8 Millionen pro Jahr verdient. Bei den Frauen beträgt die Gesamtsumme $68,6 Millionen, wodurch sie auf durchschnittlich $27855 pro Jahr kommt. Das bedeutet: Männer in den Elite- Mannschaftssportarten verdienen mehr als 100-mal so viel wie ihre weiblichen Pendants (Sportingintelligence, 2017).


Die Geschlechtsspezifische Lohnlücke wird anders verargumentiert, als in anderen Branchen


Diese erheblichen Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen im Sport sind im Vergleich zum deutschen Durchschnitt von 8% (bereinigte Gender Pay Gap, Statistik XZY) absurd hoch.Ein Blick auf das Verhältnis in dem Sportlerinnen zu Sportlern in den Medien repräsentiert werden, bietet mögliche Erklärungsansätze. So hat das Tucker Center der University of Minnesota hat bei der Recherche zu „Media Coverage and Female Athletes“ herausgefunden, dass etwa 40% aller Sportteilnehmer weiblich sind, jedoch Sportlerinnen nur 4% Anteil in Sportmedien erhalten (Tucker Center for Research on Girls & Women in Sport, kein Datum). Diese Nichtsichtbarmachung des Frauensports führt dazu, dass die mediale Aufmerksamkeit zum größten Teil bei männlichen Sportlern liegt und nicht bei den Frauen, was unteranderem zu geringeren Einschaltquoten für den Frauensport im Vergleich zu den Quoten im Männersport führt. Da Einschaltquoten einen großen Anteil an den Einnahmen und Umsätzen von Vereinen haben, wird dieser Vergleich oftmals als Grund für die unterschiedliche Bezahlung zwischen Frauen und Männern genannt.

Durch die geringere Bezahlungfolgt jedoch für die Sportlerinnen, dass sie weniger finanzielle Mittel für angemessene Trainingsmöglichkeiten haben und potenziell noch Zweitjobs machen müssen. Das führt wiederum zu schlechteren Ergebnissen und zu niedrigeren Einschaltquoten. So beginnt der Teufelskreislauf von vorne.


Biologische Unterschiede werden oft als Rechtfertigung dafür herangezogen, dass Frauen weit unter dem Leistungsniveau wie Männer agieren können. Gründe für diese Unterschiede liegen jedoch oftmals viel mehr in den ungleichen Trainingsmöglichkeiten und Ressourcen, die den Sportlerinnen zur Verfügung stehen. Indem ihnen finanzielle Mittel vorenthalten werden, werden ihnen die Chancen genommen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.


Was tun gegen Genderungerechtigkeit im Sport?


Doch was lässt sich nun gegen dieses Ungleichgewicht tun? In Deutschland nehmen wir uns beispielsweise im Fußball bereits der Frage an. Die für den DFB in der UEFA-Kommission für Frauenfußball sitzende Silke Raml sieht eine direkte Anpassung der Gehälter allerdings nicht als die richtige Lösung. „Wir wären aus meiner Sicht in Deutschland schlecht beraten, wenn wir den DFB vor uns her treiben würden und gleiche Bezahlung für die Fußballerinnen fordern würden.“, so Raml.

Stattdessen hält sie es im ersten Schritt für notwendig, die Sichtbarkeit für die Sportlerinnen zu erhöhen und die allgemeine Struktur zu verbessern (Becker, kein Datum).


Als positives Ergebnis lässt sich die Frauen-Fußball EM 2022 herbeiziehen, bei der sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ins Rampenlicht gespielt hat und vermehrte mediale Aufmerksamkeit bekam. Bundeskanzler Scholz beschreibt den Eindruck der EM folgendermaßen: "Wir haben ganz viel Begeisterung erlebt für den Fußball, den die Frauen bei der Europameisterschaft gespielt haben. Man sieht, dass etwas in Bewegung geraten ist. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer kommen zu den Spielen – mehr, als das vor langer Zeit der Fall war.“ Dieser Trend ist essenziell, um eine gleichberechtigte Bezahlung zu fördern und das Bild von Frauen im Sport nachhaltig zu verändern, damit in Zukunft auch Namen wie Malaika Mihambo, Katie Ledecky oder Liu Shiwen bekannt werden.

Dieser Text ist im Seminar „Diversity und Sozialkompetenz“ am Hasso-Plattner-Institut entstanden, welches Rea Eldem, Gründerin und Geschäftsführerin von IN-VISIBLE leitet. Die Autorin ist Studentin des Studiengangs IT-Systems Engineering und möchte lieber nicht mit ihrem Namen veröffentlicht werden. Neben ihrem Studium denkt sie viel darüber nach, wie eine Zukunft im Sport aussehen könnte und was sich ändern müsste, damit sie auch die finanzielle Sicherheit bekäme, um ihrer Leidenschaft nachgehen zu können.


 

Verweise

Becker, K. (kein Datum). phoenix von ARD und ZDF. Abgerufen am 22. 03 2023 von https://www.phoenix.de/gleicher-kicken-a-2887283.html

dfb. (21. 02 2023). dfb. Abgerufen am 22. 03 2023 von https://www.dfb.de/news/detail/bundeskanzler-scholz-bei-den-dfb-frauen-es-ist-etwas-in- bewegung-geraten-248678/

sportingintelligence. (2017). The gender (in)equality issue. Global sports salarie survey 2017, 10.

Tucker Center for Research on Girls & Women in Sport. (kein Datum). Unniversity of minnesota. Abgerufen am 22. 03 2023 von

https://www.cehd.umn.edu/tuckercenter/projects/mediacoverage.html

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